Schweizerische Nationalbank gibt den Wechselkurs frei. Schweizer Franken wertet gegenüber dem Euro um rund 15 Prozent auf

Die Schweizerische Nationalbank hebe den Mindestkurs von 1.20 CHF pro EUR auf, verlautbarte die Notenbank in ihrer Medienmitteilung vom Vormittag des 15. Januar 2015. Die Märkte reagierten sofort. Um 10.28 Uhr notierte der Euro noch bei 1.20 CHF. Rund zwanzig Minuten später kostete ein Euro nur noch 0.89 CHF. Ab 11.00 Uhr pendelte sich der Kurs zwischen 1.00 bis 1.05 CHF je EUR ein. Im Tagesverlauf wurde die Währung der Eidgenossenschaft um etwa 15 Prozent aufgewertet. Wirtschafts- und Verbandsexponenten sprechen von einem Schock und sehen eine Rezession heranziehen. Zu Recht?

Die Aufgabe des Mindestkurses kann gerechtfertigt werden

Gemäss Thomas Jordan, dem SNB-Präsdienten, sei der Mindestkurs am 6. September 2011 in einer Phase der massiven Überbewertung des Franken und grösster Verunsicherung der Finanzmärkte eingeführt worden. Inzwischen habe sich die Überbewertung des Franken vermindert. Auf diese veränderte Situation habe sich die Schweizer Wirtschaft in den letzten dreieinhalb Jahren einstellen können. Die Kosten würden sich für jene Unternehmen in Grenzen halten, die ihre Strukturen und Prozesse seit 2011 angepasst und auf einen schwachen Euro ausgerichtet hätten.

Eine zweite Rechtfertigung für die Freigabe des Wechselkurses von Schweizer Franken und Euro ist der seit etwa einem halben Jahr stärker werdende US-Dollar. Gegenüber dem Euro wertet der US-Dollar von über 1.38 USD je EUR im Juni 2014 auf rund 1.16 USD je EUR im Januar 2015 auf. Schwächt die SNB den Schweizer Franken gegenüber dem Euro und wertet sich dieser gegenüber dem US-Dollar ab, so sinkt der Schweizer Franken gegenüber dem US-Dollar ebenfalls. Und das in einer Phase, in welcher der Schweizer Franken gegenüber dem Greenback unter Druck steht: Zwischen Juni 2014 und Januar 2015 verstärkte sich die US-amerikanische Währung von 1.12 USD pro CHF auf 0.98 USD pro CHF, was einer Aufwertung von über zwölf Prozent gleichkommt. Das wiederum sprach aus Sicht der SNB dagegen, den Mindestkurs des Schweizer Franken zum Euro noch länger aufrecht zu halten.

Nächste Woche wird die Europäische Zentralbank (EZB) beginnen, europäische Staatsanleihen zu kaufen. Dadurch wird sie die Märkte mit Euro versorgen, was die europäische Gemeinschaftswährung ebenfalls unter Abwertungsdruck setzt. Und das hätte die Kosten für die Durchsetzung des Mindestkurses für die SNB erhöht und den Schweizer Franken gegenüber dem US-Dollar noch weiter geschwächt.

Konsumenten lockt der Euroraum. Exportfirmen geraten unter Druck

Gewinner der Frankenaufwertung sind die Konsumentinnen und Konsumenten, die Einkaufstouristen, Urlauber und Grenzgänger. Sie werden im Euroraum auf einen Schlag um rund 15 Prozent günstiger einkaufen und Ferien machen können. Für den Tourismus und die Exportindustrie war die Entscheidung der SNB hingegen eine Hiobsbotschaft. „Mir fehlen die Worte“, zitiert das Schweizer Fernsehen SRF den Chef der Swatch-Group, Nicolas Hayek. Er befürchte einen „Tsunami“ für die Schweizer Wirtschaft. Der Verband der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (Swissmem) spricht von einer die Unternehmen in deren Existenz bedrohenden Lage. Und der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) sieht Lohneinbussen und einen Arbeitsplatzverlust als Konsequenzen der Wechselkursfreigabe. Nahrung erhalten solche Befürchtungen von der Entwicklung der Schweizer Börse. Der SMI fiel am 15. Januar 2015 von 9250 Punkten auf 8400 Zähler. Das ist ein Verlust von über neun Prozent. Den Tagestiefstand von 7932 Punkten erreichte der SMI um 12.34 Uhr.

Vier Gründe sprechen dagegen, dass der Euro ins Bodenlose fällt

Erstens kam es am 15. Januar 2015 zu einem Überschiessen den Märkte. Der Euro wurde verworfen, der Schweizer Franken gekauft und aufgrund der Unsicherheit verringerten die Anleger den Anteil Schweizer Aktien in ihrem Portfolio. In den nächsten Tagen und Wochen werden sich die Marktteilnehmer auf die Freigabe des Wechselkurs einstellen, ihre Erwartungen anpassen. Das wird den Euro gegenüber dem Schweizer Franken stabilisieren und den Wechselkurs auf ein Niveau heben, das höher als Mitte Januar und tiefer als 1.20 Schweizer Franken liegt.

Zweitens werden Schweizer Konsumenten mehr und häufiger in der Eurozone einkaufen. Dazu müssen sie Schweizer Franken in die europäische Gemeinschaftswährung umtauschen. Auch das trägt zur Werterhaltung des Euro bei.

Neben der Aufgabe des Mindestkurses hat die SNB auch den Zins für Guthaben auf Girokonten um 0.5 Prozentpunkte auf minus 0.75 Prozent gesenkt. Das reduziert den Anreiz der Geschäftsbanken, Schweizer Franken bei der SNB einzulegen. Die Banken werden sich bemühen, die eidgenössische Währungen über Kreditvergaben in den Umlauf geben, was einer Aufwertung des Schweizer Franken gegenüber dem Euro entgegenwirkt.

Und viertens: Die SNB wird gemäss ihrer Medieninformation auch weiterhin der Wechselkurssituation Rechnung tragen und bei Bedarf in den Devisenmarkt intervenieren. Zeigt sich demnach, dass der Euro gegenüber den Schweizer Franken tiefer als erwartet fällt, können die Marktteilnehmer auf Stützungsmassnahmen der SNB hoffen.

 

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