Entwertung

Auch die Urheber der Volksinitiative «Für ein bedingungsloses Grundeinkommen» rechnen mit einem satten Nein. An einer Informationsveranstaltung meinte ein Mitglied des Initiativkommittees, dass eine Zustimmung von 15 Prozent schon ein Erfolg wäre. Es gehe rund um den 5. Juni 2016 in erster Linie darum, eine Debatte in Gang zu bringen. Ausserdem skizzierte der Mitinitiant, wie so ein bedingungsloses Grundeinkommen zu realisieren wäre, wenn denn erst einmal der Grundsatz in der Verfassung stehen würde.Beispielsweise könne die Finanzierung über eine Art Fonds gelöst werden. Wer viel verdiene, zahle viel in diesen Topf ein, jedenfalls so viel, dass sie mehr einschiessen als ausbezahlt bekommen. Und wer nur ein geringes oder gar kein Erwerbseinkommen hat, zahle wenig oder eben nichts ein – eben so, dass der Staat am Ende des Monats das bedingungslose Grundeinkommen auf das Bankkonto überweisen wird.Die Rede ist von 2’500 Schweizer Franken pro erwachsene Person und 650 CHF pro unter 18-jährige Person. Eine Familie mit zwei Eltern und zwei Kindern erhielte also 6’300 CHF – ein ordentlicher Betrag, mit dem es sich gut leben lässt. Dies vor allem dann, wenn ein Elternteil oder beide noch einer Erwerbsarbeit nachgehen. Denn angenommen der Vater – es könnte auch die Mutter sein – arbeite zu 100 Prozent in einem Dienstleistungsbetrieb als Kundenberater und verdiene pro Monat 7’500 CHF, dann verfügte die Familie über ein Gesamteinkommen von 11’300 CHF. Das entspricht 2’500 plus 2’500 plus 650 plus 650 plus – jetzt kommt’s – 5’000 CHF. Mit anderen Worten: Das Erwerbseinkommen des Vaters wird von 7’500 um 2’500 auf 5’000 Franken gekürzt. Unter dem Strich verdient der Vater nach der Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens also keinen Rappen mehr als zuvor. Sein Arbeitgeber entlöhnt seine Arbeitsleistung aber nicht mehr 7’500 CHF, sondern nur noch mit 5’000 Franken – die gleiche Arbeitsleistung wird demnach mit einem um 33 Prozent geringeren Geldbetrag entlöhnt. Die Erwerbsarbeit wird in dieser Hinsicht entwertet. Kann’s das wirklich sein? Kommt drauf an, aus wessen Perspektive man diese Frage beurteilt. Unternehmer werden sich freuen, denn ihre Lohnkosten sinken. Das erhöht den Gewinn respektive verringert den Verlust, je nachdem. Tiefere Lohnkosten tragen aber auch zur Arbeitsplatzsicherheit bei. Womöglich werden sogar neue Arbeitsplätze geschaffen. Kurz und gut, auch Arbeitnehmer haben Grund zur Freude. Allerdings kann man es nicht schönreden: Die Erwerbsarbeit büsst an Wert und Wertschätzung ein. Das könnte bei manch einem Arbeitnehmer, manch einer Arbeitnehmerin den Gedanken nähren, dass es sich – buchstäblich – nicht lohnt, sich allzu sehr anzustrengen und Mühe zu machen. Dann sänke die Arbeitsleistung und der ganze Arbeitsmarkt pendelte sich auf einem tieferen Niveau in einem neuen Gleichgewicht ein, sofern es so eines überhaupt je gegeben hat. Oder die Leute werden durch das Grundeinkommen risikobereiter und werden selbst zu Unternehmern. Aufgrund dessen stiegen die Investitionen, die Innovationen führten zu Überstunden auf den Patentämtern, die Wirtschaft wüchse, der Wohlstand bräche auch unter den bisher finanziell gebeutelten aus. Möglich ist auch … … Jetzt mal Punkt. Ganz schön viel Spekulation für einen Sonntagvormittag. Am 5. Juni wird abgestimmt, ob wir das bedingungslose Grundeinkommen im Prinzip wollen. Erst, wenn der Grundsatz mal in der Verfassung steht, folgt die Umsetzung. Schritt um Schritt, ganz sorgfältig und ohne Schnellschüsse. In 30 Jahren sehen wir vielleicht, welches Szenario von der Realität geboren wurde.

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