Orthografie

Auf Facebook geht es nur um Oberflächliches, Scheinprobleme und Spasshaben. Diese Aussage ist falsch, wie ich in diesen Tagen feststellen musste. Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) platzierte nämlich einen Selbsttest in Orthografie auf meiner Facebook-Startseite. Als Texter konnte ich dieser Herausforderung nicht widerstehen; ich wollte wissen, ob ich den Test bestehen würde. Also begann ich, den Ausgangstext auf Fehler zu prüfen.

Bitte schön, hier kannst Du Dich im Korrekturlesen üben. Der Originaltext enthält zwanzig Fehler. Findest Du sie?

Balduin hatte Nachts eine merkwürdige Begegnung, bei der ihm etwas seltsam um’s Herz wurde. Aber obwohl er ängstigendes gar nicht mag, meisterte er das Abenteuer tapfer. Er war es gewohnt, das Verwandte zu besuch kamen, von denen die meisten höchstens desshalb seine Sympathie genossen, da sie bunte Präsente mit zu bringen pflegten. Darüber hinaus hatten sie Appettit auf Tee und Kuchen, was sie freundlicherweise unentgeldlich serviert erhielten. Doch dieses mal kamen weder Tanten noch Onkel vorbei, sondern Geister, die sich mit johlen ankündigten. Balduin erschrack tödlich über diese Geräusche; er spührte nämlich, dass diese nichts gutes bedeuten konnten. Mit Mühe versuchte er, seiner Stimme eine aggressive Note zu verleihen: «Hört blos zu, ihr seit das bedauernswerteste Ungeziefer, stinkt konstant wie ein paar dreckige Wäschestücke und habt definitiv null Stil, ihr armseliges Pack. Meine Nerven sind stabil, also verpestet meine Zimmer Luft nicht mit euren Bakterien und verschont mich am besten mit dem hanebüchenen Theater!» Die Besucher flohen auf der Stelle vor dem drei Käsehoch, der sie in derart bestürzender Weise beschimpfte, und behielten ihn als den verwegensten, aber auch verletzensten aller Knirpse in Erinnerung. Vertrieb sie wirklich der scharfe Tonfall, war es eher der nahende Morgen, oder half es einfach, dass das Läuten der Kirchenglocken den Todes mutigen Helden aus dem Albtraum riss?

Diese Prosa ergibt zwar nur sehr wenig Sinn. Doch wir wollten uns auf die Orthografie konzentrieren, nicht wahr? Mit meiner Leistung bin ich ganz zufrieden. Nur zwei Fehler, die auf ein Verständnisproblem zurückgehen. Gegen Ende des Textes steht: « …, und behielten ihn als den verwegensten, aber auch verletzensten aller Knirpse in Erinnerung.» Das Wort «verletzensten» verstand ich als «verletztesten», was durchaus auch gepasst hätte: Balduin, der verwegenste, aber tief verletzte Knirps. Die NZZ aber hatte eine andere Wendung im Sinn: Balduin, der verwegenste, aber auch verletzendste Knirps. Halb so schlimm. Mit dem Ergebnis kann ich dennoch leben. Wenn Du nun herausfinden willst, ob Du ein Orthografie-Ass bist, kannst Du Deine Lösung entweder auf der NZZ-Website überprüfen lassen oder sie gleich hier mit der berichtigten Version vergleichen:

Balduin hatte nachts eine merkwürdige Begegnung, bei der ihm etwas seltsam ums Herz wurde. Aber obwohl er Ängstigendes gar nicht mag, meisterte er das Abenteuer tapfer. Er war es gewohnt, dass Verwandte zu Besuch kamen, von denen die meisten höchstens deshalb seine Sympathie genossen, da sie bunte Präsente mitzubringen pflegten. Darüber hinaus hatten sie Appetit auf Tee und Kuchen, was sie freundlicherweise unentgeltlich serviert erhielten. Doch dieses Mal kamen weder Tanten noch Onkel vorbei, sondern Geister, die sich mit Johlen ankündigten. Balduin erschrak tödlich über diese Geräusche; er spürte nämlich, dass diese nichts Gutes bedeuten konnten. Mit Mühe versuchte er, seiner Stimme eine aggressive Note zu verleihen: «Hört bloss zu, ihr seid das bedauernswerteste Ungeziefer, stinkt konstant wie ein paar dreckige Wäschestücke und habt definitiv null Stil, ihr armseliges Pack. Meine Nerven sind stabil, also verpestet meine Zimmerluft nicht mit euren Bakterien und verschont mich am besten mit dem hanebüchenen Theater!» Die Besucher flohen auf der Stelle vor dem Dreikäsehoch, der sie in derart bestürzender Weise beschimpfte, und behielten ihn als den verwegensten, aber auch verletzendsten aller Knirpse in Erinnerung. Vertrieb sie wirklich der scharfe Tonfall, war es eher der nahende Morgen oder half es einfach, dass das Läuten der Kirchenglocken den todesmutigen Helden aus dem Albtraum riss?

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