Kernspalter

Vorgestern habe ich euch von der kernigen Post berichtet, die ich vom „Nuklearforum Schweiz“ erhalten hatte. In der Zwischenzeit ist die Tafel Läderachschokolade mit ganzen Haselnüssen zur Hälfte verkostet. Nochmals vielen Dank, liebes Nuklearforum! Auch die Infos erwiesen sich als äusserst aufschlussreich.

Fakten, Fakten, Fakten und Frage- wie Dollarzeichen

Unterschlagen habe ich euch gestern allerdings zig Fakten, bei deren Anblick einem die Fragezeichen in die Augen schiessen wie die Dollarzeichen unserem Entenhausener Jugendfreund Dagobert Duck.

Ein solches Faktum ist zum Beispiel, dass China zurzeit 21 Kernkraftwerke mit einer Gesamtleistung von 21 500 MW baut und Pläne für 38 weitere KKW schmiedet. Total könnten die Chinesen ihren Bestand von 35 auf 94 KKW erhöhen und die Gesamtleistung ihrer Kernkraftinfrastruktur von 31 364 auf rund 90 800 MW steigern. Warum auch nicht? Mit der Zunahme der Kernkraft könnte sich der Anteil von Energie aus Kohle im Energiemix des Reichs der Mitte reduzieren. Ausserdem soll den Chinesen nicht verboten sein, was in unseren Breitengraden während Jahrzehnten als opportun galt.

Und dann war da noch Frankreich

Frankreich betreibt 58 KKW, die zusammen 72 Prozent der Energieversorgung bestreiten. Kein anderes europäisches Land erreicht auch nur ansatzweise die *Atomkraft* der Grande Nation. Die ist also eine Art Anomalie in der zusehends grünen, europäischen Energieversorgungslandschaft. Warum ist das so? Ich gehe einfach mal ein paar Vermutungen durch.

Messmer-Plan

Möglicherweise stecken historische Gründe hinter der französischen Präferenz für Kernkraft. Dazu erzählt mir Wikipedia vom sogeannten Messmer-Plan, der auf den anfangs der 1970er-Jahre amtierenden Premierminister Pierre Messmer zurückgeht. Frankreich sollte die Energieproduktion aus Uran steigern, um weniger abhängig von Energieimporten zu werden. Zugleich gab es damals ein Atomkommissariat, eine Verwaltungsstelle also, mit 3 000 Mitarbeitenden. Die sollen, so Wikipedia, unterbeschäftigt gewesen sein. Der Kommissariatsleiter, ein gewisser Monsieur André Giraud, soll eins und eins zusammengezählt und in die Vollen gegangen sein. Sprich: Er trieb den Bau von fünf Atomkraftwerken bis 1975 voran.

2017_06_10_Fessenheim

Fessenheim ist das älteste, aber auch leistungsschwächste Kernkraftwerk Frankreichs.

Das damalige französische Staatsoberhaupt Georges Pompidou stand hinter der Ausweitung der Atomenergie, zumal sich Frankreich im Zuge der Industriealisierung von einer landwirtschaftlichen zu einer zusehends industriellen Gesellschaft wandelte und dementsprechend nicht nur der Energiehunger der Wirtschaft, sondern auch die Zahl der zu beschäftigenden Menschen im zweiten Sektor stieg. In der Folge kam es zu einem regelrechten Atomkraft-Boom: Zwischen 1980 und 1986 gingen 37 Atomkraftwerke ans Netz.

Diese Entwicklung erklärt wohl bereits hinreichend, warum die Atomenergie in Frankreich einen derart hohen Stellenwert geniesst. Doch ich wäre nicht ich, wenn ich nicht noch irgendwie etwas Querdenkerisches untersuchen würde.

Landeskultur nach Geert Hofstede

Gibt es nicht vielleicht einen Zusammenhang zwischen dem Anteil der Atomenergie an der Gesamtenergieproduktion eines Landes und seiner Kultur? Mit Kultur meine ich nicht so sehr Literatur, Kunst, Theater und dergleichen, sondern die Art und Weise, wie die Leute denken, sprechen, handeln, zusammenleben. Diesem Thema hat Geert Hofstede sein ganzes Forscherleben gewidmet, weswegen wir fundiertes Datenmaterial zu den Landeskulturen rund um den Erdball zur Verfügung haben.

Hofstede erfasst die Landeskultur in sechs Dimensionen:

  • Power Distance / Machtdistanz
  • Individualism / Individualismus
  • Masculinity / Maskulinität
  • Uncertainty Avoidance / Vermeidung von Unsicherheit
  • Long-term Orientation / Langfristorientierung
  • Indulgence / Genussfreundlichkeit

Diese Dimensionen erlauben es beispielsweise, die Landeskultur Frankreichs mit der von Grossbritannien zu vergleichen. Grossbritannien eignet sich zum Vergleich mit Frankreich, weil die Bevölkerung beider Länder etwa gleich gross ist und das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf auf ähnlich hohem Niveau liegt. Damit können wir zwei Einflussfaktoren eliminieren, die neben der Landeskultur die Atomenergieneigung eines Landes auch noch beeinflussen könnten. Die Aussagekraft des Landeskulturvergleichs steigt also.

Kulturdimension Frankreich Grossbritannien
Power Distance 68 35
Individualismus 71 89
Masculinity 43 66
Uncertainty Avoidance 86 35
Long-term Orientation 63 51
Indulgence 48 69
Anzahl KKW 58 15
Gesamtleistung (MW) 63 130 8 918
% Energieproduktion total 72 20

Eine Dimension springt ins Auge, die Unsicherheitsaversion: Die Briten kommen mit Unsicherheit relativ gut zurecht. Frankreich gilt gemäss den Hofstede’schen Kulturdimensionen als unsicherheitsfeindliche Nation. Nebendem betreibt Grossbritannien rund viermal weniger KKW als Frankreich. Ja und an dieser Stelle zeichnet sich ein Zusammenhang mit dem Messmer-Plan ab. Dieser wurde zwar auch deswegen vorangetrieben, um den wachsenden Energiebedarf der Wirtschaft zu decken, ursprünglich aber gefasst und eingeleitet, um die Abhängigkeit von Energieimporten zu reduzieren. Abhängigkeit von Importen bedeutet Unsicherheit über die Energieversorgung in der Zukunft. Diese in die eigenen Hände zu nehmen, ist ein typisches Verhalten von unsicherheitsvermeidenden, die Zukunft kontrollierenden Nationen, wie Geert Hofstede auf seiner Website erklärt.

Ergebnis

Die landeskulturelle Neigung Frankreichs, Unsicherheiten zu vermeiden, förderte den Messmer-Plan und führte über diesen zu einer hohen Anzahl Kernkraftwerken und einem beispiellosen Anteil der Atomenergie an der Gesamtenergieproduktion der Grande Nation.

Gewiss, gewiss. Was ihr soeben gelesen habt, ist nur beschränkt aussagekräftig. Ein Vergleich von nur zwei Ländern kann die Welt nicht erklären. Es bräuchte wohl eine statistische Auswertung über zig Länder hinweg, um eine generell gültige Aussage zu treffen. Aber immerhin haben die paar Schlaglichter, die dieser Beitrag geworfen hat, eine in sich schlüssige Geschichte ausgeleuchtet. Das diese mehr als 770 Wörter Volumen aufweist, war so sicher nicht beabsichtigt. Sorry, aber ich hatte zu wenig Zeit, um mich kurzzufassen. Diesem Thema sollte ich wohl mehr Beachtung schenken … zum Beispiel in einem der nächsten Posts. Bis dann, auf Wiederlesen!

 

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