Kernspalter

Vorgestern habe ich euch von der kernigen Post berichtet, die ich vom „Nuklearforum Schweiz“ erhalten hatte. In der Zwischenzeit ist die Tafel Läderachschokolade mit ganzen Haselnüssen zur Hälfte verkostet. Nochmals vielen Dank, liebes Nuklearforum! Auch die Infos erwiesen sich als äusserst aufschlussreich.

Fakten, Fakten, Fakten und Frage- wie Dollarzeichen

Unterschlagen habe ich euch gestern allerdings zig Fakten, bei deren Anblick einem die Fragezeichen in die Augen schiessen wie die Dollarzeichen unserem Entenhausener Jugendfreund Dagobert Duck.

Ein solches Faktum ist zum Beispiel, dass China zurzeit 21 Kernkraftwerke mit einer Gesamtleistung von 21 500 MW baut und Pläne für 38 weitere KKW schmiedet. Total könnten die Chinesen ihren Bestand von 35 auf 94 KKW erhöhen und die Gesamtleistung ihrer Kernkraftinfrastruktur von 31 364 auf rund 90 800 MW steigern. Warum auch nicht? Mit der Zunahme der Kernkraft könnte sich der Anteil von Energie aus Kohle im Energiemix des Reichs der Mitte reduzieren. Ausserdem soll den Chinesen nicht verboten sein, was in unseren Breitengraden während Jahrzehnten als opportun galt.

Und dann war da noch Frankreich

Frankreich betreibt 58 KKW, die zusammen 72 Prozent der Energieversorgung bestreiten. Kein anderes europäisches Land erreicht auch nur ansatzweise die *Atomkraft* der Grande Nation. Die ist also eine Art Anomalie in der zusehends grünen, europäischen Energieversorgungslandschaft. Warum ist das so? Ich gehe einfach mal ein paar Vermutungen durch.

Messmer-Plan

Möglicherweise stecken historische Gründe hinter der französischen Präferenz für Kernkraft. Dazu erzählt mir Wikipedia vom sogeannten Messmer-Plan, der auf den anfangs der 1970er-Jahre amtierenden Premierminister Pierre Messmer zurückgeht. Frankreich sollte die Energieproduktion aus Uran steigern, um weniger abhängig von Energieimporten zu werden. Zugleich gab es damals ein Atomkommissariat, eine Verwaltungsstelle also, mit 3 000 Mitarbeitenden. Die sollen, so Wikipedia, unterbeschäftigt gewesen sein. Der Kommissariatsleiter, ein gewisser Monsieur André Giraud, soll eins und eins zusammengezählt und in die Vollen gegangen sein. Sprich: Er trieb den Bau von fünf Atomkraftwerken bis 1975 voran.

2017_06_10_Fessenheim

Fessenheim ist das älteste, aber auch leistungsschwächste Kernkraftwerk Frankreichs.

Das damalige französische Staatsoberhaupt Georges Pompidou stand hinter der Ausweitung der Atomenergie, zumal sich Frankreich im Zuge der Industriealisierung von einer landwirtschaftlichen zu einer zusehends industriellen Gesellschaft wandelte und dementsprechend nicht nur der Energiehunger der Wirtschaft, sondern auch die Zahl der zu beschäftigenden Menschen im zweiten Sektor stieg. In der Folge kam es zu einem regelrechten Atomkraft-Boom: Zwischen 1980 und 1986 gingen 37 Atomkraftwerke ans Netz.

Diese Entwicklung erklärt wohl bereits hinreichend, warum die Atomenergie in Frankreich einen derart hohen Stellenwert geniesst. Doch ich wäre nicht ich, wenn ich nicht noch irgendwie etwas Querdenkerisches untersuchen würde.

Landeskultur nach Geert Hofstede

Gibt es nicht vielleicht einen Zusammenhang zwischen dem Anteil der Atomenergie an der Gesamtenergieproduktion eines Landes und seiner Kultur? Mit Kultur meine ich nicht so sehr Literatur, Kunst, Theater und dergleichen, sondern die Art und Weise, wie die Leute denken, sprechen, handeln, zusammenleben. Diesem Thema hat Geert Hofstede sein ganzes Forscherleben gewidmet, weswegen wir fundiertes Datenmaterial zu den Landeskulturen rund um den Erdball zur Verfügung haben.

Hofstede erfasst die Landeskultur in sechs Dimensionen:

  • Power Distance / Machtdistanz
  • Individualism / Individualismus
  • Masculinity / Maskulinität
  • Uncertainty Avoidance / Vermeidung von Unsicherheit
  • Long-term Orientation / Langfristorientierung
  • Indulgence / Genussfreundlichkeit

Diese Dimensionen erlauben es beispielsweise, die Landeskultur Frankreichs mit der von Grossbritannien zu vergleichen. Grossbritannien eignet sich zum Vergleich mit Frankreich, weil die Bevölkerung beider Länder etwa gleich gross ist und das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf auf ähnlich hohem Niveau liegt. Damit können wir zwei Einflussfaktoren eliminieren, die neben der Landeskultur die Atomenergieneigung eines Landes auch noch beeinflussen könnten. Die Aussagekraft des Landeskulturvergleichs steigt also.

Kulturdimension Frankreich Grossbritannien
Power Distance 68 35
Individualismus 71 89
Masculinity 43 66
Uncertainty Avoidance 86 35
Long-term Orientation 63 51
Indulgence 48 69
Anzahl KKW 58 15
Gesamtleistung (MW) 63 130 8 918
% Energieproduktion total 72 20

Eine Dimension springt ins Auge, die Unsicherheitsaversion: Die Briten kommen mit Unsicherheit relativ gut zurecht. Frankreich gilt gemäss den Hofstede’schen Kulturdimensionen als unsicherheitsfeindliche Nation. Nebendem betreibt Grossbritannien rund viermal weniger KKW als Frankreich. Ja und an dieser Stelle zeichnet sich ein Zusammenhang mit dem Messmer-Plan ab. Dieser wurde zwar auch deswegen vorangetrieben, um den wachsenden Energiebedarf der Wirtschaft zu decken, ursprünglich aber gefasst und eingeleitet, um die Abhängigkeit von Energieimporten zu reduzieren. Abhängigkeit von Importen bedeutet Unsicherheit über die Energieversorgung in der Zukunft. Diese in die eigenen Hände zu nehmen, ist ein typisches Verhalten von unsicherheitsvermeidenden, die Zukunft kontrollierenden Nationen, wie Geert Hofstede auf seiner Website erklärt.

Ergebnis

Die landeskulturelle Neigung Frankreichs, Unsicherheiten zu vermeiden, förderte den Messmer-Plan und führte über diesen zu einer hohen Anzahl Kernkraftwerken und einem beispiellosen Anteil der Atomenergie an der Gesamtenergieproduktion der Grande Nation.

Gewiss, gewiss. Was ihr soeben gelesen habt, ist nur beschränkt aussagekräftig. Ein Vergleich von nur zwei Ländern kann die Welt nicht erklären. Es bräuchte wohl eine statistische Auswertung über zig Länder hinweg, um eine generell gültige Aussage zu treffen. Aber immerhin haben die paar Schlaglichter, die dieser Beitrag geworfen hat, eine in sich schlüssige Geschichte ausgeleuchtet. Das diese mehr als 770 Wörter Volumen aufweist, war so sicher nicht beabsichtigt. Sorry, aber ich hatte zu wenig Zeit, um mich kurzzufassen. Diesem Thema sollte ich wohl mehr Beachtung schenken … zum Beispiel in einem der nächsten Posts. Bis dann, auf Wiederlesen!

 

Von wichtigen und weniger wichtigen Toren

Habt Ihr gestern Abend auch den Champions-League-Final mitverfolgt? Das Spiel bot so einiges an Toren, von denen zum Beispiel das von Mandzukic in der 27. Minute ohne Weiteres das Zeug zum „Tor des Jahres“ hat. Doch so schön das Tor des Kroaten war, so nutzlos erwies es sich nach 90 Minuten, weil Ronaldo, Casemiro und Asensio das Spiel noch zugunsten von Real Madrid und gegen Juventus Turin wendeten.

Mandzukic_Juve-Madrid_CLF2017

Mandzukic trifft, Juve verliert dennoch, Real Madrid gewinnt die Champions League 2016/2016. Doch dieses Tor werden wir noch ein paar Mal sehen – vielleicht sogar als „Tor des Jahres“.

 

Immerhin löste Mandzukics Traumtreffer die Idee bei mir aus, zwischen wichtigen, ergebniswirksamen und weniger wichtigen, ergebnisneutralen Toren zu unterscheiden. Ein Tor gilt als ergebniswirksam, wenn das Spiel ohne dieses Tor anders ausgegangen wäre, wie es ausging. Demgegenüber ist ein Tor ergebnisneutral, wenn das Spiel genau so ausgegangen wäre, wie es ausgegangen ist, falls das Tor nicht gefallen wäre. Das klingt theoretisch und für eine Sportart wie Fussball etwas gar fade. Ein paar Beispiele lichten den Nebel der Theorie.

Benfica Lissabon vs. Dynamo Kiew 1-0

In diesem Spiel in der Champions-League-Vorrundengruppe B schoss der Argentinier Eduardo Salvio in der 45. Minute das Tor des Spiels. Hätte er nicht getroffen, so wäre die Begegnung 0-0 ausgegangen. Also hat Salvio ein ergebniswirksames Tor erzielt. Gratulation.

Bayern München vs. FK Rostov 5-0

Im ersten CL-Spiel der Bayern in der abgelaufenen Spielzeit schossen Lewandowski (28. Minute), Müller (45.), Kimmich (53. / 60.) und Juan Bernat (90.) die Tore. Allerdings hätte Lewandowskis 1-0 bereits gereicht, damit sich die Münchner die drei Punkte hätten gutschreiben lassen können. Denn Rostov erzielte genau null Tore. Somit hat Lewandowski das einizige ergebniswirksame Tor erzielt. Alle anderen Tore erwiesen sich als ergebnisneutral. Das zeigt auch, dass die Torfolge respektive die Chronologie der Tore eine Rolle spielt. Hätten der Pole und Thomas Müller nicht getroffen, so wäre Kimmich der Schütze des ergebniswirksamen Tores gewesen.

FC Porto vs. FC Kopenhagen 1-1

Das 1-0 fiel in der 13. Minute durch Otavio. Den Ausgleich schoss Cornelius in der 52. Minute. Beide Torschützen haben je ein ergebniswirksames Tor erzielt. Denn wenn einer dieser Treffer nicht gefallen wäre, so wäre das Spiel mit einem Sieg der einen oder anderen Mannschaft ausgegangen.

Bayer Leverkusen vs. ZSKA Moskau 2-2

Mehmedi (9. Minute) und Calhanogh (15.) brachten Bayer Leverkusen mit 2-0 in Führung, ehe Dzagoev (36.) und Eremenko (38.) die Russen wieder ins Spiel zurückschossen. Nach 90 Minuten hiess es nach wie vor 2-2. Alle vier Torschützen haben ergebniswirksame Treffer erzielt. Denn hätte nur einer von ihnen nicht getroffen, wäre das Spiel nicht remis, sondern mit einer Siegermannschaft ausgegangen.

Die Analysen der beiden Spiele mit unentschiedenem Spielausgang lassen sich verallgemeinern: In Spielen, die mit einem Remis ausgehen, gibt es nur ergebniswirksame Tore, ausser natürlich, das Spiel endete 0-0. Weiter geht es mit Beispielen:

Paris Saint-Germain vs. FC Barcelona 4-0

Champions-League-Achtelfinal, Hinspiel. Für das Heimteam treffen Di Maria (18. / 55.), Draxler (40.) und Cavani (72.) die Tore. Barcelona reist mit einer massiven Hypothek nach Hause zurück. Das einzige ergebniswirksame Tor dieser Partie schoss Di Maria in der 18. Minute.

Doch das gilt nur, wenn die eine Partie betrachtet wird. In der K.O.-Phase der CL entscheidet jedoch das Gesamtergebnis nach Hin- und Rückspiel über Sieg und Niederlage.

Sergi-Roberto_PSG-Barca_CL2016-17

Sergi Roberto kehrt die Achtelfinalpartie zwischen Barcelona und Paris Saint-Germain – ein historisches und ergebniswirksames Tor.

FC Barcelona vs. Paris Saint-Germain 6-1

Suarez (3. Minute), Kurzawa (40., Eigentor) und Messi (50.) schossen die Katalanen mit 3-0 in Führung. Dann erzielte Cavani in der 62. Minute das 3-1. Das Auswärtstor für Paris Saint-Germain hätte den Ausschlag geben können. Immerhin, bis zu den beiden Toren von Neymar (88. / 90.) zum 4-1 und 5-1 war Cavani tatsächlich der Mann der Stunde, weil er aufgrund der Auswärtstorregel die Pariser in das Viertelfinale geschossen hätte. Zu diesem Zeitpunkt wären alle Pariser Torschützen aus dem Hin- und Rückspiel mit ergebniswirksamen Toren erfolgreich. Keines dieser Tore hätte fehlen dürfen, um den bis dahin stehende Ausgang der Achtelfinalbegegnung herzustellen, sprich: den PSG ins Viertelfinale zu bringen. Doch es kam mit einem Schlag anders: Sergi Roberto traf in der Nachspielzeit zum 6-1 und wendete das Blatt zugunsten von Barcelona. Sein Tor war für die den Ausgang der Partie im Camp Nou zwar nicht relevant, also ergebnisneutral – Barcelona hätte das Spiel sowieso gewonnen, wenn nicht 6-1, dann halt 5-1. Doch in der Endabrechnung von Hin- und Rückspiel erwies sich Sergi Robertos Tor als entscheidend: Denn es sicherte den Katalanen die Viertelfinalteilnahme und machte alle Torschützen der Spanier zu Skorern von ergebniswirksamen Treffern. Und ein riesen Spektakel ging zu Ende!

Ein spanischer Klub errang schliesslich auch die Champions-League-Trophäe. Beim 4-1 gegen Juventus gab es allerdings nur zwei Spieler, die ergebniswirksame Tore schossen: Ronaldo und Casemiro. Doch auch wenn dies die ausschlaggebenden Treffer waren, das Glanztor des Abends war doch das von Mandzukic. Damit will ich sagen: Auch ergebnisneutrale Tore können Geschichte schreiben!

Adding manpower to a late project makes it later. Warum?

Manches im Leben verhält sich völlig anders, als es einem der gesunde Menschenverstand glauben machen will. Ein Beispiel kam mir kürzlich vor die Nase. Ein Kollege schrieb in einer E-Mail an mich unter anderem diesen Satz: «Adding manpower to a late project makes it later.» Zu Deutsch: Zusätzliches Personal verzögert ein Projekt, das schon im Verzug ist, noch weiter.

Diese Aussage wird nach einem ehemaligen IT-Projekt-Manager von IBM, sein Name ist Fred Brooks, das Brook’sche Gesetz genannt. Mich brachte es zum Nachdenken, weil es der Intuition widerspricht. Denn diese gibt einem vor, dass zusätzliches Personal mehr Output hervorbringt und so den Rückstand eines Projekts auf den Zeitplan wettmachen kann. Doch eben, Brook sagt aus seiner Erfahrung als Projekt-Manager heraus, dass gerade das Gegenteil zutrifft. Warum ist das so?

Einarbeitungszeit bindet Ressourcen

Wir müssen genau hinschauen, was passiert, wenn ein beispielsweise fünfköpfiges Team um eine Person erweitert wird: Zunächst braucht der neue Mitarbeiter, die neue Mitarbeiterin einige Zeit, um sich in das Projekt einzuarbeiten. Das aber bindet Ressourcen der fünf bestehenden Projektmitglieder. Beispielsweise muss erklärt werden, wo welche Dokumente abgelegt sind, welche Systeme zum Einsatz kommen, wer die Ansprechpartner für welche Anliegen sind, was bisher im Projekt geschah, was der aktuelle Stand und was das Ziel ist etc. etc. Während der Einarbeitungszeit werden auch Fragen aufkommen, deren Beantwortung die Zeit von Kollegen und Projektleiter beansprucht. Und schliesslich kommt es vor, dass ein neuer Mitarbeiter manch einen Fehler produziert, wodurch das Projekt zusätzlich ins Hintertreffen gerät.

Prozesse verändern sich

Zweitens: Jeder hinzukommende Mitarbeiter verändert die Prozesse, an die sich die ursprünglichen Mitarbeiter gewöhnt haben. Die Routine wird gebrochen. Neue Abläufe müssen eingespielt werden, und zwar von allen – auch vom bestehenden Personal. Dadurch verlangsamt sich der Betrieb und der Zeitplan scheint dem Projektstatus noch weiter davonzueilen.

Kommunikationsaufwand steigt

Drittens: Die Anzahl Kommunikationswege steigt im Quadrat zur Anzahl der miteinander in Austausch stehenden Personen. Bei fünf Personen gibt es 15 mögliche Verbindungen, bei sieben Leuten 28 und bei zehn Mitarbeitenden 55. Für die Mathematiker unter Euch: Die Formel, mit der Ihr die Anzahl Beziehungen von n Leuten berechnen könnt, lautet:

Formel

Grafisch dargestellt sieht das so wie im folgenden Diagramm aus. Für das Projekt bedeutet das, dass jeder zusätzliche Mitarbeiter den Kommunikationsaufwand überproportional erhöht.

n2n

Vermutlich gibt es noch einige weitere Erklärungen für das Brook’sche Gesetz. Die hier genannten sollen aber ausreichen, um den Sinn von Fred Brooks Aussage zu erhellen. Wer noch weitere derartige Gesetze studieren will, dem empfehle ich «11 wacky laws named for people»

Alte Firma, gute Firma

Lasse es 100, 125 oder 150 Jahre, jedenfalls einen sehr langen Zeitraum sein. Dann versetze Dich in die Lage eines Kommunikationsverantwortlichen des Unternehmens, das es so lange gibt. Mit welchen Argumenten würdest Du die Firma und ihre Produkte bewerben? Suggestive Frage. Die Antwort ist doch klar und klingt wohl so oder ähnlich: «Wir haben 125 Jahre Erfahrung im Markt».

Praktisch jedes Unternehmen, das es seit einigen Jahrzehnten gibt, tischt dieses Argument auf. Mir kommt es vor, als ob alte Firmen automatisch gute Firmen sind. Als Konsument frage ich deshalb zurück, was ich denn davon habe, dass Dein Unternehmen dieses Jahr seinen 125-jährigen Geburtstag feiert.

125_Jahre_Firma

Jetzt kommst Du ins Grübeln, nicht wahr? Es geht Dir nun wie mir, als mir bewusst wurde, wie sehr in der Unternehmenskommunikation mit dem Alter einer Firma geworben wird – eben ganz nach dem Motto: alte Firma gleich – automatisch und immer – gute Firma. Und gute Produkte.

Nach einigem Nachdenken kam mir der entscheidende Gedanke: Ein Unternehmen, das es seit 125 Jahren gibt, muss irgendetwas richtiggemacht haben, sonst wäre es in der Zwischenzeit vom Markt verschwunden. Langlebigkeit setzt also voraus, dass eine Firma sich am Markt behauptet. Und daher weist Langlebigkeit auf Anpassungs-, Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit, auf Resilienz und langfristiges Denken und Handeln hin. Genau diese Fähigkeiten und Eigenschaften sind es, die unter dem Strich den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ausmachen.

Merken wir uns die Faustregel, dass alte Unternehmen anpassungs-, innovations-, wettbewerbsfähig, resilient sowie langfristig orientiert und darum erfolgreich sind. Für die Unternehmenskommunikation bedeutet das aber, dass man das Kind beim Namen nennen sollte. Der blosse Hinweis auf eine 125-jährige Firmengeschichte bringt nichts beziehungsweise kann die Kundschaft sogar irritieren – «Was habe ich davon, wenn die Firma schon 120 Jahre alt ist?»

Ein wirklich schlagkräftiges Argument klingt in etwa so:

Unsere Firma ist Innovationsführerin. Denn seit 125 Jahren bieten wir Ihnen stets die neuesten Produkte und Dienstleistungen an. Vor hundert Jahren brachten wir das erste tragbare Telefon auf den Markt. Heute vertreiben wir das erste zusammenrollbare Smartphone.

Wohlstandsburgertum

Ich erinnere mich noch genau. Als Teenager machten wir, meine Freunde und ich, einen Spass daraus, mit Hamburger von McDonals durch die Gassen zu ziehen. Behelligt hat uns niemand. Denn Fleisch essen stand damals noch nicht so sehr in der öffentlichen Diskussion, das heute der Fall ist. Und in dem Masse wie der Fleischverzehr in den letzten Jahren in Verruf geraten ist, haben sich andere Ernährungsformen in den Vordergrund gespielt. Tofu- und Quornburger in allen Variationen – nature, geräuchert, mariniert, mit Paprika oder Pferrer – füllen die Ladenregale, Kühlschränke und Münder und Mägen. Das ist nichts Schlechtes! Denn Vegetarier und Veganer möchten sich lecker ernähren, sich also ab und zu einen Burger oder eine Art Schnitzel zubereiten. Auch als Fleischliebhaber weiche ich von Zeit zu Zeit auf vergane Produkte aus, wodurch sich meine Speisekarte um rund 50 Prozent erweitert hat.

Insektenburger

Nein, das ist kein Rindfleisch-, sondern ein Insektenburger. #Wohlstandsburgertum

Nun aber kommt die dritte Welle. Nach unbehelligtem Fleischkonsum und der Einführung von Quorn und Co. werden sich Schweizerinnen und Schweizer ab nächster Woche mit Insektenburger, namentlich aus Heuschrecken, Maden und Mehlwürmern, verköstigen. Warum genau ab nächster Woche? Weil die Regierung die kleinen Krabbler zuerst für den Verzehr zulassen musste und den Stichtag für die Markteinführung auf den 1. Mai festgelegt hat …

… Lassen wir die Politik für den Moment und bleiben wir bei den Insekten. Bei mir sind bisher zwei Argumente für den Insektenverkehr angekommen: Erstens sollen die Tierchen viel Protein enthalten. Eine Förderung der Insektenernährung würde unter dem Strich allen Menschen der Welt Zugang zu Eiweiss verschaffen. Guter Punkt! Das zweite Argument: Die Züchtung von Insekten sei ökologischer als die Produktion von Fleisch, bei der so und so viele Liter Wasser für ein Kilogramm Rindfleisch verbraucht würden. Auch das halte ich für ein berechtigtes Votum vonseiten der Befürworter und Fans von Insektennahrung.

Klar, dass auch die Skeptiker ihre Argumente bringen. Besonders oft lese oder höre ich vom Ekel und Schauer, der einem über den Rücken läuft, wenn der Blick auf die Knetmasse aus Maden oder Würmern, also Insektenburger, fällt. Gewiss haben wir Mitteleuropäer im Laufe unserer Erziehung gelernt, dass Insekten nichts zum Essen sind. Heuschrecken seien eklig, Maden sowieso und Würmer schon sehr nahe Schlagen und darum nicht nur böse, sondern sogar gefährlich, so sagte man uns. Trotzdem werde ich meine Neugier wohl kaum widerstehen können und nächste Woche ein paar Insekten verzehren.

So weit, so gut. Doch was zeigt uns die ganze Debatte um Fleisch, Tofu und Quorn sowie Insekten als Lebensmittel? Dass wir in einem unheimlichen Wohlstand leben! Uns geht es so gut, dass wir wählen können, wie viel wir wovon essen und von welchen Lebensmitteln wir gar nichts wissen wollen. Unser Wohlstand lässt es sogar zu, dass wir über solche Fragen abendprogrammfüllende Fernseh- und Radiosendungen durch den Äther schliessen. Ist das nicht verrückt?

Kreatives Denken: Abkürzungen auflösen

In Kreuzworträtseln werden oft Abkürzungen für einen gesuchten Begriff gesucht. Beispielsweise sollen die Rätselrater/innen die Kurzform von «Million» mit drei Buchstaben in die Felder eintragen. Schwieriger als die «Million» abzukürzen ist es, das Kürzel für «Nordatlantisches Verteidigungsbündnis» zu finden. Nein, es lautet weder NAVB noch NV und schon gar nicht NaVeBü. Richtig ist ganz eindeutig NATO, das Akronym von «North Atlantic Treaty Organisation», also einem englischen Ausdruck.

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Search Engine Optimization, zu Deutsch: Suchmaschinenoptimierung (Bildquelle: pixabay.com)

Weil wir nun alle schon Hunderte von Kreuzworträtsel gelöst und vielleicht einige Tausend Zeitungsberichte gelesen haben, wissen wir im Schlaf, wie man gewisse Begriffe stutzt usw. usf. etc. pp. … pp.? Wisst Ihr wirklich, was dieses doppelte P bedeutet?

Be creative! And KIR (keep it reasonable)

Ihr seht, Abkürzungen zu bilden ist mehr oder weniger einfach. Aber Abkürzungen auflösen, das braucht ganz schön Denkmasse zwischen den Ohren. Es ist ein kreativer Akt, der allerdings ein Gespür für das Sinnvolle verlangt. Logisch! Denn drei beliebige Buchstaben können in sehr viel mehr Begriffen ausgeschrieben werden als einen Begriff auf drei Buchstaben zusammenzuquetschen. Im Falle von «pp.» nach «etc.» könnte man auf «perpetuum (mobile)», «per pound», «per page» oder etwa «pro patria» schliessen und damit voll danebengreifen. Sinnvoll und richtig ist das Lateinische «perge, perge» – «fahre fort, fahre fort». Ok, das geht’s jetzt in medias res:

Jetzt knoble mal!

Die Aufgabe des heutigen «Kreatives Denken» lautet, die folgenden Abkürzungen auszudeutschen. Viel Vergnügen! Lösungen folgen später.

  1. UN (Politik)
  2. VN (Politik)
  3. CEO (Business)
  4. Empa (Forschung)
  5. Eawag (Forschung)
  6. ETH (Bildung)
  7. PPV (Zahlungsform)
  8. HTML, CSS, JS (Web-Programmierung)
  9. UVP (Handel)
  10. OVP (Handel)
  11. GF (ein Unternehmen)
  12. OSCE (Politik)
  13. TÜV (Ihr wisst schon, was gemeint ist)
  14. EWZ (leicht insider, für Zürcher)
  15. DAX (Handel)
  16. DJ (nicht der Musikmixer)
  17. CNN (kennt Ihr doch, oder!?)
  18. BBC (dito)
  19. RNL (Handball)
  20. HSG (Bildung)
  21. IKEA (…)
  22. ETF (Finanzen)
  23. ETC (Finanzen)
  24. a. i. (so etwas wie «stellvertretend»)
  25. Cu, Ag, Au (Chemie, auch: Olympia)

 

Kreatives Denken (Teil 4)

Beim Spiegel-Online-Rätsel von dieser Woche geht ums Schätzen. Gefragt ist: Wieviele Liter Zahnpasta werden in Deutschland jährlich verbraucht, wenn sich alle Leute morgens und abends die Zähne putzen?

Bei dieser Aufgabe sollen wir schätzen, indem wir überschlagsrechnen. Das Resultat soll plausibel sein. Es präzise und in diesem Sinne richtig zu bestimmen, wird ohne Recherche in Statistikdatenbanken oder ähnlichem kaum gelingen.

Zahnpasta

Also gehen wir von diesen Annahmen aus:

  • Jede Einwohner, jede Einwohnerin Deutschlands putzt sich zweimal am Tag die Zähne
  • Es gibt 80 Millionen Leute in Deutschland. Das sollte man wissen 🙂
  • Ein Jahr hat 365 Tage
  • Für jedes Mal zähneputzen braucht es …. Milliliter Zahnpasta? Das ist nun der Knackpunkt. Ich schätze, dass es zwei Milliliter sind.

Jetzt verknüpfen wir die Annahmen:

80 Millionen Leute putzen sich an 365 Tagen zweimal die Zähne mit zwei Milliliter Zahnpasta. Oder in Mathematisch: 80’000’000 * 365 * 2 * 2 = 116’800’000’000 … sagen wir 117 Milliarden Milliliter Zahnpasta.

Zum guten Schluss müssen wir die Milliliter- und Literangaben umrechnen. Ein Liter enthält 1’000 Milliliter – «milli» ist die lateinische Vorsilber für «tausend». Darum heisst das Ergebnis 117’000’000 Liter. Ist das plausibel? Wir werden sehen, wenn das Ergebnis von Spiegel-Online daherfliegt.

Eine vergleichbare Frage, die öfter in solchen Kreativitäts- / Brainteaser-Tests auftaucht ist diese: Wie viel wiegt Manhatten? Finden Sie eine plausible Antwort.