Wohlstandsburgertum

Ich erinnere mich noch genau. Als Teenager machten wir, meine Freunde und ich, einen Spass daraus, mit Hamburger von McDonals durch die Gassen zu ziehen. Behelligt hat uns niemand. Denn Fleisch essen stand damals noch nicht so sehr in der öffentlichen Diskussion, das heute der Fall ist. Und in dem Masse wie der Fleischverzehr in den letzten Jahren in Verruf geraten ist, haben sich andere Ernährungsformen in den Vordergrund gespielt. Tofu- und Quornburger in allen Variationen – nature, geräuchert, mariniert, mit Paprika oder Pferrer – füllen die Ladenregale, Kühlschränke und Münder und Mägen. Das ist nichts Schlechtes! Denn Vegetarier und Veganer möchten sich lecker ernähren, sich also ab und zu einen Burger oder eine Art Schnitzel zubereiten. Auch als Fleischliebhaber weiche ich von Zeit zu Zeit auf vergane Produkte aus, wodurch sich meine Speisekarte um rund 50 Prozent erweitert hat.

Insektenburger

Nein, das ist kein Rindfleisch-, sondern ein Insektenburger. #Wohlstandsburgertum

Nun aber kommt die dritte Welle. Nach unbehelligtem Fleischkonsum und der Einführung von Quorn und Co. werden sich Schweizerinnen und Schweizer ab nächster Woche mit Insektenburger, namentlich aus Heuschrecken, Maden und Mehlwürmern, verköstigen. Warum genau ab nächster Woche? Weil die Regierung die kleinen Krabbler zuerst für den Verzehr zulassen musste und den Stichtag für die Markteinführung auf den 1. Mai festgelegt hat …

… Lassen wir die Politik für den Moment und bleiben wir bei den Insekten. Bei mir sind bisher zwei Argumente für den Insektenverkehr angekommen: Erstens sollen die Tierchen viel Protein enthalten. Eine Förderung der Insektenernährung würde unter dem Strich allen Menschen der Welt Zugang zu Eiweiss verschaffen. Guter Punkt! Das zweite Argument: Die Züchtung von Insekten sei ökologischer als die Produktion von Fleisch, bei der so und so viele Liter Wasser für ein Kilogramm Rindfleisch verbraucht würden. Auch das halte ich für ein berechtigtes Votum vonseiten der Befürworter und Fans von Insektennahrung.

Klar, dass auch die Skeptiker ihre Argumente bringen. Besonders oft lese oder höre ich vom Ekel und Schauer, der einem über den Rücken läuft, wenn der Blick auf die Knetmasse aus Maden oder Würmern, also Insektenburger, fällt. Gewiss haben wir Mitteleuropäer im Laufe unserer Erziehung gelernt, dass Insekten nichts zum Essen sind. Heuschrecken seien eklig, Maden sowieso und Würmer schon sehr nahe Schlagen und darum nicht nur böse, sondern sogar gefährlich, so sagte man uns. Trotzdem werde ich meine Neugier wohl kaum widerstehen können und nächste Woche ein paar Insekten verzehren.

So weit, so gut. Doch was zeigt uns die ganze Debatte um Fleisch, Tofu und Quorn sowie Insekten als Lebensmittel? Dass wir in einem unheimlichen Wohlstand leben! Uns geht es so gut, dass wir wählen können, wie viel wir wovon essen und von welchen Lebensmitteln wir gar nichts wissen wollen. Unser Wohlstand lässt es sogar zu, dass wir über solche Fragen abendprogrammfüllende Fernseh- und Radiosendungen durch den Äther schliessen. Ist das nicht verrückt?

Wie wird man reich?

Ich wohne am Stadtrand von Zürich. Vor meiner Wohnung zieht sich eine Strasse, die fast bis zum Hauptbahnhof reicht. Wenn wir diese Strasse entlang spazieren, können wir lernen, warum es manche Menschen zu Reichtum bringen, während andere nahezu ihre finanzielle Existenz verlieren.

Reichtum

 

Dranbleiben

Zu den Reichen gehört neuerding ein Bekannter von mir. Ich lernte ihn vor etwa fünf Jahren kennen. Die Kommunikationsagentur, für die ich damals arbeitete, suchte nach einem Google-Adwords-Spezialist. Da meldete sich einer, der sich gerade selbstständig gemacht hatte, und mit seinem Einmannbetrieb Aufträge an Land ziehen wollte. Ganz ehrlich, ich weiss nicht mehr, ob wir damals ins Geschäft kamen. Vor zwei Tagen jedoch stach mir die Firma meines Bekanntes ins Auge. Sie muss enorm gewachsen sein, denn sie hat sich auf zwei Stockwerken in einem Hause nahe dem Bahnhof Oerlikon eingemietet. Dranbleiben ist also ein sehr guter Weg, um reich zu werden.

Smart Pricing

Clever sein ist ein anderer Weg: Eine Gruppe junger Türken habt vor rund drei Jahren – behaften Sie mich nicht – einen Coiffeurladen an besagter Strasse eröffnet. Ein Herrenhaarschnitt kostet 25 Franken. Einige Meter weiter kann man bei Gidor, dem Coop-Friseur, die gleiche Dienstleistung für etwas über 40 Franken beanspruchen. Während Gidor an Ort tritt, haben die türkischen Friseure ihre Ladenfläche fast verdoppelt. Merke also: Smart Pricing fördert das Geschäft, was sich am Ende des Tages auch auf das Bankkonto niederschlägt.

Baustellen

Ein ganz anderes Schicksal ereilte die Bäckerei, die 500m von meiner Wohnung entfernt allerhand Leckereien feilbot. Doch das war einmal. Eine Baustelle wurde meinen Nachbarn zum Verhängnis. Sie verursachte nicht nur für so manche Verwirrung bei Autofahrern und Fussgängern, sondern versperrte auch die Zufahrt zu den Parkplätzen der Bäckerei. Keine Parkplätze, keine oder zumindest weniger Kunden. So kam es, dass die Bäckerfamilie das Geschäft aufgeben musste. Ob sie für die materielle Enteignung entschädigt wurde, weiss ich nicht. Klar ist mir aber seither, dass Baustellen einen zu armen Tagen bringen können. Auf diesem Wege wünsche ich den ehemaligen Inhabern der Brotmanufaktur alles Gute für die Zukunft.

Moral der Geschichten

Fassen wir zusammen, was wir auf dem kurzen Spaziergang der Strasse vor meinem Fenster entlang gelernt haben. Erstens, bleibe dran. Zweitens, sei clever. Drittens, meide Baustellen. So wird man reich.

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Digitaler Melker befördert Bauer zu «Melk-Controllern»

Vor Kurzem mutmasste ich über die Folgen des industriellen Revolution 4.0 für den Menschen als Arbeitskraft. Werden Roboter, digitale Technologien und weitere Errungenschaften den Menschen ersetzen, sein Berufsbild verändern, erweitern oder es in einer anderen Weise beeinflussen? Nun stiess ich auf einen sehr deutlichen Hinweis auf das Szenario «Veränderung des Berufsbildes».

Und zwar an der Olma, der Schweizer Messe für Landwirtschaft und Ernährung, die einst Ostschweizer Landwirtschafts- und Milchausstellung hiess und von dieser Bezeichnung auch den Markennamen «Olma» erhielt.

Die Messe ist öffentlich, sodass sich selbst ein Schreibtischtäter, wie ich es bin, von all dem Brandneuen in den Bann ziehen lassen kann. Aufmerksam wurde ich besonders auf den Melkroboter aus dem Hause DeLaval, den die Messestandbauer zusammen mit etwas über einem Dutzend Kühen in einem stallähnlichen Zelt untergebracht hatten.

Kuh gibt am Roboter Milch. Wo ist der Bauer?

Weit und breit war kein Bauer zu sehen. Nur eine Promotorin von DeLaval erklärte dem Publikum, wie der Melkroboter im Einzelnen funktioniert. Zuerst trottet die Kuh in den Roboter, der dann den Rest der Arbeit übernimmt. Der Roboterarm sucht mittels Laser die Zitzen, wäscht diese und behandelt sie für das Melken vor. Gleich darauf greift der Roboterarm mit vier Zitzenbechern am Kuheuter an. Das Melken beginnt, die Milch wird in einen Tank geleitet, wo sie weiterverarbeitet wird. Auf einem Touchscreen zeichnet die Maschine die Menge Milch pro Zitze und insgesamt auf. Nach dem Melkvorgang wird das Euter ebenso gereinigt wie der Melkroboter mit seinem Roboterarm. Alles automatisch, versteht sich. Zum Schluss öffnet der Roboter das Tor, durch das die Kuh die Maschine verlassen kann.

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Im Bildviertel unten rechts erkennt man den Roboterarm der Maschine von DeLaval. Er melkt nicht nur, er reinigt auch das Kuheuter und sorgt für die Hygiene im Melkroboter.

Arbeitszeitersparnis von rund 2,5 Stunden

Da die Kühe selbst entscheiden, wann sie ihre Milch geben, und weil der Melkroboter selbstständig arbeitet, braucht es den Bauern nicht mehr – oder? Tatsächlich, der Landwirt wird nicht mehr um 5 Uhr morgens im Stall antreten müssen. Der Roboter entlastet ihn vom Melken als solchen und spart ihm etwa 2,5 Stunden Arbeit pro Tag. Diese wird der Bauer für andere Aufgaben verwenden. Unter anderem wird er über Desktop-PC, einen Laptop, ein Tablet oder über sein Smartphone die Daten auswerten, die der Melkroboter ihm in einer eigens dafür programmierten Software ausspielt. So erfährt der Bauer beispielsweise, aber nicht nur, die Milchmenge pro Kuh und die der ganzen Herde.

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Der Landwirt wertet die Daten aus dem Melkroboter aus und kann aufgrund seiner Erkenntnisse Massnahmen ergreifen, beispielsweise die Kraftfuttermenge pro Tier anpassen oder eine Kuh von einem Veterinär untersuchen lassen.

Bauer wird zum «Melk-Controller»

Aus den Daten kann der Bauer ableiten, ob und welche Massnahmen er ergreifen muss. Beispielsweise die Kühe mit Kraftfutter stärken, damit sie reichlich Milch bringen. Oder bei einer bestimmten Kuh nach dem Rechten schauen, weil sie seit zwei Tagen deutlich weniger Milch gibt, als sie das bis anhin getan hatte. «Sie haben die totale Kontrolle über Ihre Herde», bewirbt DeLaval den Melkroboter. Der Bauer wird also vom «Melker» zum «Melk-Controller». Sein Berufsbild verändert sich. Seine Arbeitskraft wird aber nach wie vor gebraucht, auch in Zukunft.

DZ PRIVATBANK gibt Standort Singapur auf

Schon vor Monaten berichtete insideparadeplatz.ch, eine Plattform für Finanznews aus Zürich, vom Suizid eines Top-Managers sowie von einem Sozialplan der DZ PRIVATBANK (Schweiz) AG. Nun schreibt der DZPB-Konzern ein weiteres Kapitel seiner Krisengeschichte.

Das Tochterunternehmen der DZ PRIVATBANK (DZPB) aus Zürich schlidderte immer weiter in die Krise. Einbrüche im Zinsgeschäft, der Rechtsstreit mit den USA, Abwandung namhafter Kunden, harzigere Marktoffensive als vermutet in Deutschland – das sind einige Gründe für die tragischen Ereignisse und die Negativschlagzeilen.

Auch auf Konzernebene stürmte es – respektive stürmten die Kunden: Im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise sollen die Klienten in grosser Zahl am Konzernhauptsitz in Luxemburg persönlich vorstellig geworden sein, um mit ihrem Kundenberater nach Lösungen zu suchen. Und im Service Center schoss die Anzahl Kundenanfragen schroff in die Höhe.

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So ist die DZ PRIVATBANK aufgestellt. Die DZ PRIVATBANK betreibt in Deutschland, Luxemburg, der Schweiz und – bisher – Singapur Tochtergesellschaften. Der Konzern ist Teil der Genossenschaftlichen FinanzGruppe der deutschen Volks- und Raiffeisenbanken. 

Nun nimmt eine weitere Etappe im Drama um die Privatbank der Genossenschaftliche FinanzGruppe Volksbanken Raiffeisenbanken ihren Lauf. Die DZPB-Einheit in Singapur (PBSG) soll geschlossen werden respektive an die Bank of Singapore veräussert werden, so liess das Portal finews.com verlauten. In Singapur wickelte die Privatbank Geschäfte im «International Privat Banking» ab und nutzte den Standort als Tor zum asiatischen Markt.

In Zukunft werden die PBSG-Mitarbeiter bei der BoS beschäftigt werden, können ihre Kunden von dieser aus weiter betreuen. Für die DZPB bedeutet das einen weiteren Verlust von Kundengeldern. Angesichts der Ereignisse der letzten Monate und Jahre bleibt nur die Hoffnung, dass sich die See allmählich glättet und die Bank doch noch das rettende Ufer erreicht.

Werden wir Chef oder entlassen?

Im Januar 2016 diskutierten Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft über das neue Wirtschaftszeitalter. Seither, so scheint es mir, liest und hört man immer öfter Beiträge zur Digitalisierung, Industrie 4.0 oder zu humanoiden Robotern. Ebenso finden Veranstaltungen statt, die neueste Maschinen oder Roboter dem Publikum präsentieren. Gerade letztes Wochenende zum Beispiel fand in Zürich der sogenannte «Cybathlon» statt. Sportler mit Behinderung traten unterstützt von technischen Assistenzsysteme zu Wettkämpfen antraten. Ausserdem wurden Innovationen vorgestellt, die in naher Zukunft schon in Serienproduktion gehen und uns Menschen im Alltag zur Seite stehen sollen. Beispielsweise hat eine Gruppe von Maschinenbau-Ingenieuren einen Rollstuhl entwickelt, der mit einer Art Raupe ähnlich einem Panzer ausgestattet ist und damit Treppen überwinden kann.

Konstruktionen wie diese beflügeln die Fantasie: Was wäre, wenn es in Zukunft weniger rollstuhlgängige Wohnung und mehr wohnungsgängige Rollstühle gäbe? Wie schnell könnte ein Mensch die 100-Meter laufen – etwa schneller als Usain Bolt? Und wie stark werden uns technische Systeme im Alltag und besonders bei der Arbeit entlasten?

Sogar digitale Köche könnten Realität werden

Geht es nach Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne, Forschern der University of Oxford, wird es zu mehr als nur einer Entlastung kommen. 47 Prozent der Arbeitnehmer in den USA könnten in den nächsten zwanzig ihren Job verlieren, sprich: durch digitale Systeme ersetzt werden, wie Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete. Frey und Osborne kalkulierten für diverse Berufsbilder die Wahrscheinlichkeit, dass die Digitalisierung den Menschen respektive seine Arbeitskraft noch in diesem Jahrhundert überflüssig macht. Mit einer von Wahrscheinlichkeit von über 95 Prozent würden Telefonverkäufer, Näher, Uhrenreparateure, Buchhalter, Zahntechniker und sogar Köche durch Maschinen ersetzt, so die Oxford-Studie, wie sie FAZ zitierte. Am anderen Ende der Skala seien Anwälte, Sozialarbeiter, Pflegefachpersonen, Zahnärzte und andere Berufsleute kaum ersetzbar. Auch Geschäftsführer könnten mit einer Wahrscheinlichkeit von nur zwei Prozent von beispielsweise künstlicher Intelligenz abgelöst werden, leben gemäss der Studie aus Oxford von einem vergleichsweise sicheren Job.

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Dezentralisierung von Führung

Die Antithese dazu liefert der Hermann Arnold, Verwaltungsrat, Mitbegründer und Ex-Geschäftsführer der Software-Firma Haufe-Umantis AG aus St. Gallen. «Ex-Geschäftsführer» deswegen, weil Arnold von seiner CEO-Rolle zurück- und in das Team seiner Mitarbeit eingetrat. Unter dem Schlagwort «Liquid Leadership» diskuiert er in seinem Buch «Wir sind Chef», wie digitale, internetbasierte Plattformen die bisher in der CEO-Funktion gebündelten Aufgaben in Zukunft von einer Arbeitsgruppe übernommen werden könnten. Mit anderen Worten: Digitalisierung dezentralisiert Führungsaufgaben, Hierarchien flachen ab, Netzwerkunternehmen entstehen.

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Mitbegründer, Verwaltungsrat und Ex-Geschäftsführer der Haufe-Umantis AG (Quelle: http://www.haufe.com)

Nicht viel Neues, oder?

Arnolds These ist nichts Neues. Oliver E. Williamson widmete seine fast ein halbes Jahrhundert währende wissenschaftliche Karriere der Insitutionenökonomie, ganz besonders der Transaktionskostentheorie. Anhand dieser Theorie lässt sich zeigen, dass digitale Technologien netzwerkförmige Organisationsformen zulasten von Hierarchien begünstigen. Denn, so die Argumentation der Institutionenökonomen, digitale Technologien reduzieren die Kosten für Anbahnung, Aushandlung, Abschluss und Anpassung von Tauschverhältnissen, Beziehungen und Verträgen. Das leuchtet ein: Zweifelsohne erleichtert es die Arbeit, anstelle von Briefen einfach eine E-Mail zu schreiben. Oder es reduziert Aufwand, Zeit und Kilometer auf dem Arbeitsweg, wenn Mitarbeiter über Skype kommunizieren können anstatt sich im Unternehmensgebäude zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort – etwa Besprechungszimmer 411 – zusammensetzen müssen. Demnach ist Arnolds Buch, so frisch auf dem Markt es auch ist, nur ein Abklatsch längst akzeptierter Theorie und Praxis.

Wie wird es dereinst denn nun sein?

Doch «Wir sind Chef» erfährt Brisanz, wenn man die Botschaft des Autoren mit der Tendenz kontrastiert, gewisse menschliche Arbeiten durch künstliche Intelligenz, Roboter etc. zu substituieren. Hatten doch die Oxford-Forscher Frey und Osborne gerade die Geschäftsführer als kaum ersetzbare Funktionsträger eingewertet. Was denn nun? Die unterschiedlichen Prognosen machen zunächst deutlich: Niemand weiss so genau, wie sich die Digitalisierung auf die Berufsbilder auswirkt. Das ist eine relative platte Erkenntnis, die aber den Weg ebnet, verschiedene Szenarien zu skizzieren. Im Grunde, so scheint es mir aufgrund all der Berichte zum Thema «Arbeit und Digitalisierung», lassen sich besonders die folgenden Szenarien durchspielen.

Das erste: Digitalisierung wird in erster Linie Menschen aus schlecht bezahlten, wenig qualifizierten, repetitive Berufen in die Arbeitslosigkeit drängen. Denn für genau solche stark repetitiven Arbeiten können beispielsweise Algorithmen geschrieben und Roboter eingesetzt werden. Die Arbeitslosigkeit würde steigen – und mit ihr die Anzahl psychisch kranker Menschen wie Depressionspatienten. Die Kosten im Gesundheitswesen stiegen an. Unter den Prämienzahlern wären gerade die Menschen besonders von noch schroffer steigenden Prämien besonders betroffen, die gerade durch die Digitalisierung aus der Erwerbsarbeit gedrängt und schliesslich krank wurden. Die noch Erwerbstätigen müssten immer mehr Arbeitslose und Kranke über Wasser halten. Unter dem Strich sinkt der gesellschaftliche Wohlstand.

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Mehr in Szenarien und weniger in Gewissheiten über die Zukunft denken und debattiere. Das wär’s!

Einem zweiten Szenario zufolge, wird die Digitalisierung alle Berufe betreffen, handle es sich nun um hochqualifizierte oder um unqualifizierte Arbeiten. Die menschliche Arbeit wird sich demnach verändern, nicht aber abgelöst werden. So würden Mensch und Maschine in Zukunft Hand in Hand arbeiten. Ein Produktivitätsschub könnte dann für stärkeres Wirtschaftswachstum und höheren Wohlstand sorgen.

Neben den beiden angerissenen Szenarien gibt es gewiss jede Menge weitere. Der Diskussion dieses Themas täte es gut, so meine ich doch, mehr in Chancen, Risiken und Szenarien und weniger in Tatsachen und Gewissheiten über die Zukunft – «so und so wird es bestimmt werden» – zu denken und debattieren.

Investieren bis die Blasen platzen?

In London treiben ausländische Inverstoren die Immobilienpreise in die Höhe. Der Mittelstand ächzt. Doch dass der Markt auf eine Mauer stösst, eine Blase platzt, ist nichts Zwangläufiges.

Kürzlich lief eine TV-Dokumentation, die sich mit Immobilienkäufen ausländischer Investoren in London beschäftigte. Ein heisses Eisen. Gerade die Briten sind bekannt dafür, ein Leben im eigenen Reiheneinfamilienhaus zu verbringen, vielleicht sogar einen Garten zu pflegen und die Feierabende darin zu verbringen. Welche eine Idylle! Doch dieses Bild bekommt immer mehr Kratzer.

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Investoren aus Asien, den USA, dem arabischen Raum, bestimmt auch aus Europa stecken ihr Geld in Londoner Immobilien. Professionelle Immobilienanleger legen Volumina im dreistelligen Millionen- oder sogar im Milliardenbereich an. Teilweise erwerben sie die Liegenschaften, bevor sie überhaupt gebaut sind. Schliesslich spielt es für sie eine untergeordnete Rolle, ob das Gebäude schön aussieht oder sich in seine Umgebung einschmiegt. Die Investition soll sich einfach auszahlen. Die Anleger kaufen also Immobilien, um sie zu einem höheren Preis wieder zu verkaufen und in der Zwischenzeit eine Rendite zu erzielen. Dies beispielsweise in Form von Mieteinnahmen. Diese Anlagepolitik steigert die Immobilienpreise und drängt den Mittelstand immer mehr aus den Eigenheimen und in Mietwohnungen. Ausgerechnet für jene Gesellschaftsschicht, die ohnehin schon im Schwinden begriffen ist, wird die Luft dünner und dünner. Dabei erzählten die Politiker den Leuten stets aufs Neue, dass ausländische Investitionen auch das Konto des Durchschnittsbürgers äufneten. Doch davon, so die Londoner, spürten sie wenig. Dies ist eine Seite.

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Auf der anderen Seite steigen manche Londoner Bürger selbst in das Immobiliengeschäft ein. Sie kaufen Immobilien als Renditeobjekte, bestreiten ihren Lebensunterhalt aus den Mieten. Einige bringen es zu handfestem Reichtum, wie sie es mit anderen Anlageklassen kaum hätten realisieren können. Denn die Zinsen liegen bei so gut wie null Prozent. Unternehmensanleihen und Staatspapiere werfen praktisch nichts mehr ab, gerade wenn der Schuldner Schweiz oder Deutschland heisst. Substanzwerte und zinsfreie Investitionsobjekte sind gefragt. Neben Aktien und Rohstoffen gelten Immobilien als zuverlässige Objekte. Und so strömen sie gemeinsam in den Markt für Liegenschaften, Geschäftsgebäude und Wohnhäuser.

Was passiert, wenn die Zinsen wieder steigen, andere Destinationen attraktiver werden, die Preise in London so hoch sind, dass die Renditen sie nicht mehr rechtfertigen, weiss im Grunde niemand. Nur einige wollen beobachtet haben, dass sich eine Blase bedrohlich aufbläht. Es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis sie zerplatze. Dass das ausgerechnet in einer Finanzmetropole wie London geschehen könnte, erhöht die Brisanz. Im Fall aller Fälle, den wir alle uns am liebsten ersparen würden, käme es wohl abermals zu einer finanz- wie auch realwirtschaftlichen Krise. Soweit sind wir allerdings jetzt noch nicht, und es könnte genauso gut aufs Gegenteil hinauslaufen, zum Beispiel wenn die Leute aufs Land ziehen und die Firmen sich ausserhalb des urbanen Zentrums ansiedeln, um Mietkosten zu sparen. Dann nämlich könnte sich in mit vergleichsweise weniger Wohlstand gesegneten Regionen ein steter Aufschwung einstellen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Entwertung

Auch die Urheber der Volksinitiative «Für ein bedingungsloses Grundeinkommen» rechnen mit einem satten Nein. An einer Informationsveranstaltung meinte ein Mitglied des Initiativkommittees, dass eine Zustimmung von 15 Prozent schon ein Erfolg wäre. Es gehe rund um den 5. Juni 2016 in erster Linie darum, eine Debatte in Gang zu bringen. Ausserdem skizzierte der Mitinitiant, wie so ein bedingungsloses Grundeinkommen zu realisieren wäre, wenn denn erst einmal der Grundsatz in der Verfassung stehen würde.Beispielsweise könne die Finanzierung über eine Art Fonds gelöst werden. Wer viel verdiene, zahle viel in diesen Topf ein, jedenfalls so viel, dass sie mehr einschiessen als ausbezahlt bekommen. Und wer nur ein geringes oder gar kein Erwerbseinkommen hat, zahle wenig oder eben nichts ein – eben so, dass der Staat am Ende des Monats das bedingungslose Grundeinkommen auf das Bankkonto überweisen wird.Die Rede ist von 2’500 Schweizer Franken pro erwachsene Person und 650 CHF pro unter 18-jährige Person. Eine Familie mit zwei Eltern und zwei Kindern erhielte also 6’300 CHF – ein ordentlicher Betrag, mit dem es sich gut leben lässt. Dies vor allem dann, wenn ein Elternteil oder beide noch einer Erwerbsarbeit nachgehen. Denn angenommen der Vater – es könnte auch die Mutter sein – arbeite zu 100 Prozent in einem Dienstleistungsbetrieb als Kundenberater und verdiene pro Monat 7’500 CHF, dann verfügte die Familie über ein Gesamteinkommen von 11’300 CHF. Das entspricht 2’500 plus 2’500 plus 650 plus 650 plus – jetzt kommt’s – 5’000 CHF. Mit anderen Worten: Das Erwerbseinkommen des Vaters wird von 7’500 um 2’500 auf 5’000 Franken gekürzt. Unter dem Strich verdient der Vater nach der Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens also keinen Rappen mehr als zuvor. Sein Arbeitgeber entlöhnt seine Arbeitsleistung aber nicht mehr 7’500 CHF, sondern nur noch mit 5’000 Franken – die gleiche Arbeitsleistung wird demnach mit einem um 33 Prozent geringeren Geldbetrag entlöhnt. Die Erwerbsarbeit wird in dieser Hinsicht entwertet. Kann’s das wirklich sein? Kommt drauf an, aus wessen Perspektive man diese Frage beurteilt. Unternehmer werden sich freuen, denn ihre Lohnkosten sinken. Das erhöht den Gewinn respektive verringert den Verlust, je nachdem. Tiefere Lohnkosten tragen aber auch zur Arbeitsplatzsicherheit bei. Womöglich werden sogar neue Arbeitsplätze geschaffen. Kurz und gut, auch Arbeitnehmer haben Grund zur Freude. Allerdings kann man es nicht schönreden: Die Erwerbsarbeit büsst an Wert und Wertschätzung ein. Das könnte bei manch einem Arbeitnehmer, manch einer Arbeitnehmerin den Gedanken nähren, dass es sich – buchstäblich – nicht lohnt, sich allzu sehr anzustrengen und Mühe zu machen. Dann sänke die Arbeitsleistung und der ganze Arbeitsmarkt pendelte sich auf einem tieferen Niveau in einem neuen Gleichgewicht ein, sofern es so eines überhaupt je gegeben hat. Oder die Leute werden durch das Grundeinkommen risikobereiter und werden selbst zu Unternehmern. Aufgrund dessen stiegen die Investitionen, die Innovationen führten zu Überstunden auf den Patentämtern, die Wirtschaft wüchse, der Wohlstand bräche auch unter den bisher finanziell gebeutelten aus. Möglich ist auch … … Jetzt mal Punkt. Ganz schön viel Spekulation für einen Sonntagvormittag. Am 5. Juni wird abgestimmt, ob wir das bedingungslose Grundeinkommen im Prinzip wollen. Erst, wenn der Grundsatz mal in der Verfassung steht, folgt die Umsetzung. Schritt um Schritt, ganz sorgfältig und ohne Schnellschüsse. In 30 Jahren sehen wir vielleicht, welches Szenario von der Realität geboren wurde.

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Seriennummern

Vor Kurzem brachte die Schweizerische Nationalbank die neue Fünfzigernote in den Umlauf. Die Zentralbank begleitete Einführung der ersten Note der neunten Serie mit einiger Öffentlichkeitsarbeit. TV-Spots, Plakate und sogar eine Smartphone-App sollte den Leuten das neue Geldstück erklären, besonders was die Sicherheitsmerkmal angeht. Unsereins wurde angehalten, die 50er-Scheine auf ihre Echtheit zu prüfen. Als redlicher Staatsbürger habe das dann auch gemacht. Bei der Seriennummer kam mein Prüfprozess allerdings ins Stocken: Wie um alles in der Welt kommt diese Nummer zustande? Die Website der SNB hielt keine Antwort für mich bereit. In einschlägigen Internetforen wusste auch niemand, warum eine solche Seriennummer daherkommt, wie sie daherkommt. Also blieb mir nur eines übrigen: Ein Anfrage in Form einer E-Mail an die SNB schicken. Die Antwort kam postwendend. Die ersten zwei Zeichen, so unterrichtete mich die SNB-Mitarbeiterin, gäben den Produktionsjahrgang an. Eine Sechszehn bedeutet also, dass die Note im Jahr 2016 gedruckt wurde. Über die Zusammenstellung der anderen Zeichen, eines Buchstabens und sieben Ziffern, erhielt ich keine Auskunft. Die SNB kommentiere diese insgesamt acht Stellen nicht. Aufgrund von zwei 50er-Noten, die ich nacheinander aus dem Bankomat gezogen habe, kann ich aber eine Vermutung formulieren. Die beiden Noten weisen die Nummer 15P0077511 und 15P0077512 auf. Es liegt also nahe, dass die sieben Ziffern eine Zahl ergeben, die von Note zu Note um eins zunimmt. Hätte ich also noch eine dritte Note aus dem Automaten gelassen, so hätte ich wohl die Seriennummer 15P0077513 zu Gesicht bekommen. Dazu muss ich allerdings sagen, dass man niemals von Einzelfällen auf eine Gesamtheit von Fällen schliessen soll. Oder anders gesagt, ich kann mich auch einfach irren. Ausserdem finde ich das P in der Seriennummer ausgesprochen komisch. P wie … Perle, Post, Pentagon (oje!) … ? Und weshalb stehen auf anderen neuen 50er-Noten andere Buchstaben wie A oder K
oder M?Die Antwort wird mir und Ihnen wohl für immer verborgen bleiben. Das darf auch ganz gut so sein. Aus Sicherheitsgründen, meine ich. Wie auch immer, zumindest können wir festhalten, dass wir nun wenigsten wissen, was wir nicht wissen können.

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Wer hat sie kommen sehen, die Aufhebung des Mindestkurses?

Kürzlich wurde ich auf Google Trends aufmerksam und testete das Tool auf Herz und Nieren. Unter anderem prüfte ich das Suchvolumen für das Schlagwort «Mindestkurs». Erwartungsgemäss schoss die Kurve, die den Verlauf des Suchvolumens nachzeichnet, Mitte Januar in Höhe. Den Höchststand erreichte sie am 15. Janaur 2015, dem Donnerstag, an dem der Präsident der Schweizerischen Nationalbank, Thomas Jordan, die Aufhebung des Mindestkurses des Schweizer Franken gegenüber dem Euro bekannt gab. Überrascht hat mich hingegen, dass das Suchvolumen bereits am 14. Januar 2015 50 Prozent seines Maximums vom 15. Januar 2015 erreichte.

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Verlauf des Suchvolumens des Schlagwortes «Mindestkurs»

Bis zum 13. Januar 2015 war die Kurve über Jahre hinweg fast ausschliesslich zwischen null und drei Prozent des Höchststandes verlaufen. Die Mindestkursaufhebung kam gemäss Medienberichten für alle Wirtschaftsteilnehmer völlig unerwartet. Auch Thomas Jordan beteuerte, die Freigabe des Mindestkurses bis zuletzt geheimgehalten haben zu müssen. Andernfalls wäre die Massnahme der Schweizerischen Zentralbank von den Marktakteuren wirkungslos gemacht worden, bevor sie überhaupt umgesetzt wurde. Denn die Währungsanleger hätten bereits vor dem 15. Januar 2015 Euro in Schweizer Franken getauscht und sie nach dem 15. Januar 2015 mit dem stärkeren Schweizerfranken zurückgekauft. Sie Investoren hätten dadurch einen Gewinn von 20 Prozent erzielt. Mithin wäre der Schweizer Franken vorerst zusätzlich aufgewertet worden. Die Schweizerische Nationalbank hätte zweierlei tun können: Entweder den Euro stützen, indem sie am Kapitalmarkt eingreift, oder den Marktkräften freies Spiel lassen. Die erste Option hätte zu einer geldpolitischen Zerreissprobe geführt, die zweite hätte die Schweizer Zentralbank zum Spielball des Kapitalmärkte verkommen lassen. In dieser Hinsicht war es richtig, die Mindestkursaufhebung erst zu verkünden, als sie die Nationalbank umsetzte. Umso merkwürdiger mutet darum der Anstieg des Suchvolumens vom Schlagwort «Mindestkurs» am 14. Januar 2015 an. Denn dieser vorauslaufende Anstieg deutet darauf hin, dass ein Teil der Marktteilnehmer die SNB-Massnahme erahnte oder sogar von ihr gewusst hatte. Womöglich aber liegt der Grund für den vorauseilenden Suchvolumenanstieg in einem Fehler in den Algorithmen von Google oder in der Zeitverschiebung zwischen Europa und den USA.

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Erwartungen der Marktteilnehmer können Kursuntergrenze des Schweizer Franken gegenüber dem Euro bewirken


 

Es braucht keine Nationalbank, um einen CHF-EUR-Mindestkurs durchzusetzen. Ein fester Glaube genügt.

 

Das Finanzportal «cash» fragte am 2. Februar 2015, ob die Schweizerische Nationalbank (SNB) einen neuen Mindestkurs verfolge. Die Redaktion des Anbieters von Wirtschafts- und Finanzinformationen berief sich auf einen Beitrag der «Schweiz am Sonntag». Diese Zeitung habe von der SNB nahestehenden Personen von einem inoffiziellen Kursziel der Schweizer Notenbank erfahren. Die SNB peile einen Kurskorridor von 1,05 bis 1,10 Schweizer Franken pro Euro an (CHF pro EUR), greife dazu in den Devisenmarkt ein, ohne jedoch die Öffentlichkeit und die Unternehmen darüber in Kenntnis zu setzen. Am selben Tag berichtete die Schweizer Gratis- und Pendlerzeitung «20 Minuten» von Gerüchten, denen zufolge die SNB nach dem 16. Januar am Devisenmarkt eingegriffen und einen neuen Mindestkurs in den Blick genommen hatte. Experten hielten diese Gerüchte für unsinnig. Die SNB habe keinen Grund, den Schweizer Franken gegenüber dem Euro zu stützen, nachdem sie zwei Wochen zuvor den Mindestkurs aufgehoben habe. Doch! Genügt nicht auch ein Gerücht über einen insgeheim verfolgten Mindestkurs, um einen solchen ohne eine Devisenmarkt-Intervention der SNB durchzusetzen? Ja, das ist möglich. Wie ein Mindestkurs in der Theorie ohne das Eingreifen der Zentralbank zustande kommen kann, lesen Sie in den folgenden Abschnitten.

 

Ausgangslage. 1,04 CHF pro EUR und Mindestkurserwartung von 1,08 CHF pro EUR

Zu Beginn des Szenarios kostet ein Euro 1,04 Schweizer Franken. Gerüchte kommen auf, die SNB habe am Devisenmarkt interveniert und erneut einen Mindestkurs in den Blick genommen. In der Folge bilden die Marktteilnehmer die Erwartung auf einen Mindestkurs von zum Beispiel 1,08 CHF pro EUR aus. Die Schweizer Notenbank schweigt zu diesen Gerüchten. In der Tat hat sie weder die Öffentlichkeit über eine Kursuntergrenze informiert noch in den Devisenmarkt eingegriffen. Das heisst: Die Erwartungen der Menschen fussen ausschliesslich auf Gerüchten.

 

Erster Teil des Szenarios. Die erwartete Kursuntergrenze von 1,08 CHF pro EUR wird erreicht

Gemäss den Angaben zur Ausgangslage glauben die Marktteilnehmer an die Aufwertung des Euro gegenüber dem Schweizer Franken von 1,04 CHF pro EUR auf das Mindestkursniveau von 1,08 CHF pro EUR. Darum gehen die Besitzer von Schweizer Franken davon aus, dass sich der Euro sowie die Güter aus dem Euroraum für sie verteuern werden. Sie nutzen die Gunst der Stunde und tauschen ihre Frankenbestände zum Kurs von 1,04 CHF pro EUR gegen Euro. Mit den erworbenen Euro können sie Güter aus dem Euroraum in die Schweiz einführen und im Vergleich zum Handel unter dem vermuteten Mindestkursregime vier Rappen pro Euro sparen. Oder sie horten die erworbenen Eurobestände und wollen sie nach dem Erreichen des Mindestkurses wieder gegen Schweizer Franken tauschen. Der Gewinn aus dem zweifachen Währungstausch beliefe sich vier Rappen pro Euro.

Gleichzeitig erwarten die Besitzer von Euro aufgrund der Ausgangslage, dass sich der Schweizer Franken sowie Güter aus der Schweiz für sie vergünstigen werden. Dies, sobald der Euro gegenüber dem Schweizer Franken von 1,04 CHF pro EUR auf das erwartete Mindestkursniveau von 1,08 CHF pro EUR aufwertet. Deshalb legen sie den Tausch von Euro gegen Schweizer Franken sowie den Erwerb von Gütern aus der Schweiz auf Eis. Wenn die Eurobesitzer nach dem Erreichen der Kursuntergrenze ihre Eurobestände gegen Schweizer Franken tauschen, erhalten sie vier Rappen pro Euro mehr als beim Kurs von 1,04 CHF pro EUR und können mehr und / oder günstiger Güter aus der Schweiz in den Euroraum einführen. Abwarten bis der Kurs von 1,04 auf 1,08 CHF pro EUR gestiegen sein wird, zahlt sich für die Eurobesitzer also aus.

Solange der Franken-Euro-Wechselkurs zwischen 1,04 CHF pro EUR und der Kursuntergrenze von 1,08 CHF pro EUR liegt, kaufen Frankenbesitzer Euro und Güter aus dem Euroraum. Die Eurobesitzer halten sich mit ihren Frankenkäufen und Güterimporten aus der Schweiz zurück. Die Nachfrage nach Euro und Erzeugnisse aus dem Euroraum steigt, jene nach Schweizer Franken und Schweizer Güter bleibt konstant oder geht zurück. Infolgedessen wertet der Schweizer Franken gegenüber dem Euro ab beziehungsweise der Euro legt gegenüber dem Schweizer Franken zu. Die Marke von 1,08 CHF pro EUR wird erreicht werden, die erwartete Kursuntergrenze setzt sich als CHF-EUR-Wechselkurs am Devisenmarkt durch. Und dies nur aufgrund der Erwartungen und des Verhaltens der Marktteilnehmer. Die SNB hat über einen insgeheim verfolgten Mindestkurs geschwiegen und sich vom Devisenmarkt ferngehalten.

 

Zweiter Teil des Szenarios. Von der erwarteten Kursuntergrenze von 1,08 CHF pro EUR aus wertet der Euro weiter auf

Die erwartete Kursuntergrenze von 1,08 CHF pro EUR hat sich durch das an ihr orientierte Verhalten der Marktteilnehmer zum Wechselkurs entwickelt, der im Handel zwischen der Schweiz und dem Euroraum gilt. Die Nationalbank der Schweiz hält sich nach wie vor vom Devisenmarkt fern und schweigt weiterhin über ihre Massnahmen. Die Menschen halten aber auch in Zukunft am Glauben an einen von der SNB gewährleisteten Mindestkurs von 1,08 CHF pro EUR fest. Aus ihrer Sicht wird der Schweizer Franken gegenüber dem Euro nur weiter abwerten oder zumindest die Marke von 1,08 CHF pro EUR halten. Unter diese Marke, so die Erwartung der Leute, fällt der Euro nicht mehr.

In diesem Moment nehmen die Frankenbesitzer an, der für sie vorteilhafteste CHF-EUR-Wechselkurs herrsche vor. Je schwächer der Schweizer Franken gegenüber dem Euro wird, desto teurer werden der Euro und die Güter aus dem Euroraum. Darum nutzen die Frankenbesitzer den Augenblick, um im Tausch gegen Schweizer Franken Euro sowie Produkte und Dienstleistungen aus der Eurozone zu erwerben. Wertet der Euro in Zukunft zum Beispiel auf 1,15 CHF pro EUR auf, werden die Schweizer Marktteilnehmer ihre Eurobestände wieder gegen Schweizer Franken eintauschen und einen Währungsgewinn von sieben Rappen pro Euro einfahren können. Und sie werden dank dem Kauf von Gütern aus dem Euroraum zum Kurs von 1,08 CHF pro EUR gleichfalls sieben Rappen pro Euro sparen im Vergleich zum Gütererwerb in der Zukunft bei einem Wechselkurs von 1,15 CHF pro EUR. Aus diesen Überlegungen heraus weiten die Frankenbesitzer ihre Euronachfrage nach dem Erreichen des erwarteten Mindestkurses von 1,08 CHF pro EUR und bis auf Weiteres aus.

Für die Eurobesitzer gelten umgekehrte Vorzeichen: Für sie sind der Schweizer Franken und die Güter aus der Schweiz bei der erwarteten und nunmehr tatsächlichen Kursuntergrenze am teuersten. In der Zukunft werden sie entweder gleich teuer oder zu einem für sie vorteilhafteren Kurs von 1,15 CHF pro EUR Schweizer Franken und Schweizer Erzeugnisse kaufen können. Darum halten sie sich mit grenzüberschreitenden Geschäften mit den Eidgenossen für den Augenblick zurück und hoffen auf einen für sie günstigeren CHF-EUR-Wechselkurs in der Zukunft. Die Nachfrage nach Schweizer Franken und Schweizer Güter stagniert oder sinkt sogar.

Als Effekt des zweiten Teils des Szenarios steigt die Euronachfrage und wird die Frankennachfrage gedämpft. Der Euro wertet gegenüber dem Schweizer Franken weiter auf, der Schweizer Franken büsst gegenüber der europäischen Gemeinschaftswährung an Wert ein. Der CHF-EUR-Wechselkurs steigt über die Mindestmarke von 1,08 CHF pro EUR an. Er erreicht die Marke von zum Beispiel 1,15 CHF pro EUR. Nach wie vor gilt: Der Wechselkurs wird durch die Erwartungen und das Verhalten der Marktteilnehmer bestimmt. Die SNB lässt dem Devisenmarkt freies Spiel und entsagt währungspolitischen Massnahmen.

 

Dritter Teil des Szenarios. Der CHF-EUR-Kursverlauf wird gekehrt und die Mindestmarke von 1,08 CHF pro EUR wird erreicht werden

Je schwächer der Schweizer Franken gegenüber dem Euro und je stärker dieser gegenüber jenem, desto teurer werden Käufe von Euro und Gütern aus dem Euroraum für Frankenbesitzer. Deren Währungsvorteile schwinden. Darum wird sich die Nachfrage nach Euro und Euroraum-Gütern durch Frankenbesitzer verringern, je stärker der Euro gegenüber dem Schweizer Franken wird. Zugleich vergünstigen sich der Schweizer Franken und Güter aus der Schweiz für Eurobesitzer, je mehr der Euro gegenüber dem Schweizer Franken an Wert zulegt. Die Nachfrage nach Schweizer Franken, Produkte und Dienstleistungen durch Eurobesitzer wächst mit der gegenüber dem Schweizer Franken stärker werdenden europäischen Gemeinschaftswährung. Die Eurobesitzer realisieren höher werdende Währungsgewinne. In der Summe kommt es zu einer Trendumkehr: Der Schweizer Franken zieht gegenüber dem Euro nach und nach an, und dieser verliert gegenüber jenem an Wert. Die Aufwertung des Euro gegenüber dem Schweizer Franken kommt ins Stocken, erreicht ihren Höhepunkt und wird ins Negative gedreht. Von dann an wertet der Euro gegenüber dem Schweizer Franken ab. Und zwar soviel und solange, bis die Mindestkursmarke von 1,08 Euro erreicht ist. Deren Eintreten auf dem Devisenmarkt signalisiert den Marktteilnehmern, dass der Euro gegenüber dem Schweizer Franken von nun an wieder aufwerten oder zumindest von gleichem Wert bleiben wird. Denn die Menschen in der Schweiz wie auch im Euroraum glauben nach wie vor an eine Mindestkurspolitik der SNB. Doch es bleibt dabei: Die Schweizer Zentralbank hat den Devisenmarkt weder mit Worten noch mit Taten beeinflusst. Nachdem der am Devisenmarkt herrschende Wechselkurs wieder der erwarteten Kursuntergrenze entspricht, befinden sich die Markteilnehmer auf beiden Seiten der Schweizer Grenze erneut in der Situation, die zu Beginn des zweiten Teils des Szenarios vorlag. Der Euro wird in der Folge gegenüber dem Schweizer Franken erstarken, der Schweizer Franken gegenüber dem Euro an Wert verlieren und der CHF-EUR-Wechselkurs auf beispielsweise 1,15 CHF pro EUR steigen, ins Stocken geraten und zurückfallen. Das Szenario wiederholt sich. In der Zukunft wird der CHF-EUR-Wechselkurs immer wieder aufs Neue von der erwarteten Mindestkursmarke von 1,08 CHF pro EUR aus auf zum Beispiel 1,15 CHF pro EUR ansteigen und von einem solchen Maximum wieder auf 1,08 CHF pro EUR fallen – um ein weiteres Mal anzusteigen, einen Höhepunkt zu erreichen und abermals abzusinken. Die von den Marktteilnehmern erwartete Kursuntergrenze von 1,08 CHF pro EUR wird nie wieder unterschritten, solange die Leute an sie glauben und sich dementsprechend verhalten. Dagegen oder dafür unternimmt die SNB nach wie vor nichts. Erwirkt und durchgesetzt haben den Mindestkurs von 1,08 CHF pro EUR der beständige Glaube der Menschen an diesen Mindestwechselkurs sowie ihr auf diesen abgestimmtes Verhalten.

 

Fazit. Allein die Erwartungen eines CHF-EUR-Mindestwechselkurses und der Glauben der Schweizer und der europäischen Marktteilnehmer an einen solchen können ihn am Devisenmarkt erwirken und durchsetzen

In den Tagen von Ende Januar und Anfang Februar kam es auf dem Devisenmarkt zu Kursbewegungen, die auf das Einsetzen des Szenarios hindeuten. Im Artikel der Schweiz am Sonntag vom 1. Februar 2015 zitiert der Autor die «Financial Times»: Die Abwertung des Schweizer Franken gehe auf Spekulationen zurück, dass die SNB am Devisenmarkt interveniert und die eigene Währung abzuwerten versucht habe. Demnach hätten Gerüchte zu einem CHF-EUR-Wechselkursanstieg auf 1,05 CHF pro EUR beigetragen. In der Tat kletterte der Euro zwischen dem 30. Januar und dem 3. Februar 2015 von 1,0391 auf 1,0598 CHF pro EUR. Gleichzeitig stiegen die Sichtguthaben inländischer Banken bei der SNB um 18 Milliarden auf über 383 Milliarden Schweizer Franken. Und das schürte Spekulationen über Interventionen der SNB am Devisenmarkt zur Stützung des Euro gegenüber der eidgenössischen Währung. Ob die SNB währungspolitische Massnahmen umgesetzt hat, ist bis heute unbekannt. Die schweizerische Notenbank liess diesbezüglich nichts verlauten. Dieses Geschehen entspricht dem ersten Teil des Szenarios. Ob sich dieses bis zum Ende realisieren wird, muss von heute an bis auf Weiteres beobachtet werden. Die Möglichkeit besteht, wie in diesem Artikel gezeigt wurde.