Digitaler Melker befördert Bauer zu «Melk-Controllern»

Vor Kurzem mutmasste ich über die Folgen des industriellen Revolution 4.0 für den Menschen als Arbeitskraft. Werden Roboter, digitale Technologien und weitere Errungenschaften den Menschen ersetzen, sein Berufsbild verändern, erweitern oder es in einer anderen Weise beeinflussen? Nun stiess ich auf einen sehr deutlichen Hinweis auf das Szenario «Veränderung des Berufsbildes».

Und zwar an der Olma, der Schweizer Messe für Landwirtschaft und Ernährung, die einst Ostschweizer Landwirtschafts- und Milchausstellung hiess und von dieser Bezeichnung auch den Markennamen «Olma» erhielt.

Die Messe ist öffentlich, sodass sich selbst ein Schreibtischtäter, wie ich es bin, von all dem Brandneuen in den Bann ziehen lassen kann. Aufmerksam wurde ich besonders auf den Melkroboter aus dem Hause DeLaval, den die Messestandbauer zusammen mit etwas über einem Dutzend Kühen in einem stallähnlichen Zelt untergebracht hatten.

Kuh gibt am Roboter Milch. Wo ist der Bauer?

Weit und breit war kein Bauer zu sehen. Nur eine Promotorin von DeLaval erklärte dem Publikum, wie der Melkroboter im Einzelnen funktioniert. Zuerst trottet die Kuh in den Roboter, der dann den Rest der Arbeit übernimmt. Der Roboterarm sucht mittels Laser die Zitzen, wäscht diese und behandelt sie für das Melken vor. Gleich darauf greift der Roboterarm mit vier Zitzenbechern am Kuheuter an. Das Melken beginnt, die Milch wird in einen Tank geleitet, wo sie weiterverarbeitet wird. Auf einem Touchscreen zeichnet die Maschine die Menge Milch pro Zitze und insgesamt auf. Nach dem Melkvorgang wird das Euter ebenso gereinigt wie der Melkroboter mit seinem Roboterarm. Alles automatisch, versteht sich. Zum Schluss öffnet der Roboter das Tor, durch das die Kuh die Maschine verlassen kann.

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Im Bildviertel unten rechts erkennt man den Roboterarm der Maschine von DeLaval. Er melkt nicht nur, er reinigt auch das Kuheuter und sorgt für die Hygiene im Melkroboter.

Arbeitszeitersparnis von rund 2,5 Stunden

Da die Kühe selbst entscheiden, wann sie ihre Milch geben, und weil der Melkroboter selbstständig arbeitet, braucht es den Bauern nicht mehr – oder? Tatsächlich, der Landwirt wird nicht mehr um 5 Uhr morgens im Stall antreten müssen. Der Roboter entlastet ihn vom Melken als solchen und spart ihm etwa 2,5 Stunden Arbeit pro Tag. Diese wird der Bauer für andere Aufgaben verwenden. Unter anderem wird er über Desktop-PC, einen Laptop, ein Tablet oder über sein Smartphone die Daten auswerten, die der Melkroboter ihm in einer eigens dafür programmierten Software ausspielt. So erfährt der Bauer beispielsweise, aber nicht nur, die Milchmenge pro Kuh und die der ganzen Herde.

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Der Landwirt wertet die Daten aus dem Melkroboter aus und kann aufgrund seiner Erkenntnisse Massnahmen ergreifen, beispielsweise die Kraftfuttermenge pro Tier anpassen oder eine Kuh von einem Veterinär untersuchen lassen.

Bauer wird zum «Melk-Controller»

Aus den Daten kann der Bauer ableiten, ob und welche Massnahmen er ergreifen muss. Beispielsweise die Kühe mit Kraftfutter stärken, damit sie reichlich Milch bringen. Oder bei einer bestimmten Kuh nach dem Rechten schauen, weil sie seit zwei Tagen deutlich weniger Milch gibt, als sie das bis anhin getan hatte. «Sie haben die totale Kontrolle über Ihre Herde», bewirbt DeLaval den Melkroboter. Der Bauer wird also vom «Melker» zum «Melk-Controller». Sein Berufsbild verändert sich. Seine Arbeitskraft wird aber nach wie vor gebraucht, auch in Zukunft.

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Werden wir Chef oder entlassen?

Im Januar 2016 diskutierten Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft über das neue Wirtschaftszeitalter. Seither, so scheint es mir, liest und hört man immer öfter Beiträge zur Digitalisierung, Industrie 4.0 oder zu humanoiden Robotern. Ebenso finden Veranstaltungen statt, die neueste Maschinen oder Roboter dem Publikum präsentieren. Gerade letztes Wochenende zum Beispiel fand in Zürich der sogenannte «Cybathlon» statt. Sportler mit Behinderung traten unterstützt von technischen Assistenzsysteme zu Wettkämpfen antraten. Ausserdem wurden Innovationen vorgestellt, die in naher Zukunft schon in Serienproduktion gehen und uns Menschen im Alltag zur Seite stehen sollen. Beispielsweise hat eine Gruppe von Maschinenbau-Ingenieuren einen Rollstuhl entwickelt, der mit einer Art Raupe ähnlich einem Panzer ausgestattet ist und damit Treppen überwinden kann.

Konstruktionen wie diese beflügeln die Fantasie: Was wäre, wenn es in Zukunft weniger rollstuhlgängige Wohnung und mehr wohnungsgängige Rollstühle gäbe? Wie schnell könnte ein Mensch die 100-Meter laufen – etwa schneller als Usain Bolt? Und wie stark werden uns technische Systeme im Alltag und besonders bei der Arbeit entlasten?

Sogar digitale Köche könnten Realität werden

Geht es nach Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne, Forschern der University of Oxford, wird es zu mehr als nur einer Entlastung kommen. 47 Prozent der Arbeitnehmer in den USA könnten in den nächsten zwanzig ihren Job verlieren, sprich: durch digitale Systeme ersetzt werden, wie Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete. Frey und Osborne kalkulierten für diverse Berufsbilder die Wahrscheinlichkeit, dass die Digitalisierung den Menschen respektive seine Arbeitskraft noch in diesem Jahrhundert überflüssig macht. Mit einer von Wahrscheinlichkeit von über 95 Prozent würden Telefonverkäufer, Näher, Uhrenreparateure, Buchhalter, Zahntechniker und sogar Köche durch Maschinen ersetzt, so die Oxford-Studie, wie sie FAZ zitierte. Am anderen Ende der Skala seien Anwälte, Sozialarbeiter, Pflegefachpersonen, Zahnärzte und andere Berufsleute kaum ersetzbar. Auch Geschäftsführer könnten mit einer Wahrscheinlichkeit von nur zwei Prozent von beispielsweise künstlicher Intelligenz abgelöst werden, leben gemäss der Studie aus Oxford von einem vergleichsweise sicheren Job.

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Dezentralisierung von Führung

Die Antithese dazu liefert der Hermann Arnold, Verwaltungsrat, Mitbegründer und Ex-Geschäftsführer der Software-Firma Haufe-Umantis AG aus St. Gallen. «Ex-Geschäftsführer» deswegen, weil Arnold von seiner CEO-Rolle zurück- und in das Team seiner Mitarbeit eingetrat. Unter dem Schlagwort «Liquid Leadership» diskuiert er in seinem Buch «Wir sind Chef», wie digitale, internetbasierte Plattformen die bisher in der CEO-Funktion gebündelten Aufgaben in Zukunft von einer Arbeitsgruppe übernommen werden könnten. Mit anderen Worten: Digitalisierung dezentralisiert Führungsaufgaben, Hierarchien flachen ab, Netzwerkunternehmen entstehen.

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Mitbegründer, Verwaltungsrat und Ex-Geschäftsführer der Haufe-Umantis AG (Quelle: http://www.haufe.com)

Nicht viel Neues, oder?

Arnolds These ist nichts Neues. Oliver E. Williamson widmete seine fast ein halbes Jahrhundert währende wissenschaftliche Karriere der Insitutionenökonomie, ganz besonders der Transaktionskostentheorie. Anhand dieser Theorie lässt sich zeigen, dass digitale Technologien netzwerkförmige Organisationsformen zulasten von Hierarchien begünstigen. Denn, so die Argumentation der Institutionenökonomen, digitale Technologien reduzieren die Kosten für Anbahnung, Aushandlung, Abschluss und Anpassung von Tauschverhältnissen, Beziehungen und Verträgen. Das leuchtet ein: Zweifelsohne erleichtert es die Arbeit, anstelle von Briefen einfach eine E-Mail zu schreiben. Oder es reduziert Aufwand, Zeit und Kilometer auf dem Arbeitsweg, wenn Mitarbeiter über Skype kommunizieren können anstatt sich im Unternehmensgebäude zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort – etwa Besprechungszimmer 411 – zusammensetzen müssen. Demnach ist Arnolds Buch, so frisch auf dem Markt es auch ist, nur ein Abklatsch längst akzeptierter Theorie und Praxis.

Wie wird es dereinst denn nun sein?

Doch «Wir sind Chef» erfährt Brisanz, wenn man die Botschaft des Autoren mit der Tendenz kontrastiert, gewisse menschliche Arbeiten durch künstliche Intelligenz, Roboter etc. zu substituieren. Hatten doch die Oxford-Forscher Frey und Osborne gerade die Geschäftsführer als kaum ersetzbare Funktionsträger eingewertet. Was denn nun? Die unterschiedlichen Prognosen machen zunächst deutlich: Niemand weiss so genau, wie sich die Digitalisierung auf die Berufsbilder auswirkt. Das ist eine relative platte Erkenntnis, die aber den Weg ebnet, verschiedene Szenarien zu skizzieren. Im Grunde, so scheint es mir aufgrund all der Berichte zum Thema «Arbeit und Digitalisierung», lassen sich besonders die folgenden Szenarien durchspielen.

Das erste: Digitalisierung wird in erster Linie Menschen aus schlecht bezahlten, wenig qualifizierten, repetitive Berufen in die Arbeitslosigkeit drängen. Denn für genau solche stark repetitiven Arbeiten können beispielsweise Algorithmen geschrieben und Roboter eingesetzt werden. Die Arbeitslosigkeit würde steigen – und mit ihr die Anzahl psychisch kranker Menschen wie Depressionspatienten. Die Kosten im Gesundheitswesen stiegen an. Unter den Prämienzahlern wären gerade die Menschen besonders von noch schroffer steigenden Prämien besonders betroffen, die gerade durch die Digitalisierung aus der Erwerbsarbeit gedrängt und schliesslich krank wurden. Die noch Erwerbstätigen müssten immer mehr Arbeitslose und Kranke über Wasser halten. Unter dem Strich sinkt der gesellschaftliche Wohlstand.

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Mehr in Szenarien und weniger in Gewissheiten über die Zukunft denken und debattiere. Das wär’s!

Einem zweiten Szenario zufolge, wird die Digitalisierung alle Berufe betreffen, handle es sich nun um hochqualifizierte oder um unqualifizierte Arbeiten. Die menschliche Arbeit wird sich demnach verändern, nicht aber abgelöst werden. So würden Mensch und Maschine in Zukunft Hand in Hand arbeiten. Ein Produktivitätsschub könnte dann für stärkeres Wirtschaftswachstum und höheren Wohlstand sorgen.

Neben den beiden angerissenen Szenarien gibt es gewiss jede Menge weitere. Der Diskussion dieses Themas täte es gut, so meine ich doch, mehr in Chancen, Risiken und Szenarien und weniger in Tatsachen und Gewissheiten über die Zukunft – «so und so wird es bestimmt werden» – zu denken und debattieren.