Von wichtigen und weniger wichtigen Toren

Habt Ihr gestern Abend auch den Champions-League-Final mitverfolgt? Das Spiel bot so einiges an Toren, von denen zum Beispiel das von Mandzukic in der 27. Minute ohne Weiteres das Zeug zum „Tor des Jahres“ hat. Doch so schön das Tor des Kroaten war, so nutzlos erwies es sich nach 90 Minuten, weil Ronaldo, Casemiro und Asensio das Spiel noch zugunsten von Real Madrid und gegen Juventus Turin wendeten.

Mandzukic_Juve-Madrid_CLF2017

Mandzukic trifft, Juve verliert dennoch, Real Madrid gewinnt die Champions League 2016/2016. Doch dieses Tor werden wir noch ein paar Mal sehen – vielleicht sogar als „Tor des Jahres“.

 

Immerhin löste Mandzukics Traumtreffer die Idee bei mir aus, zwischen wichtigen, ergebniswirksamen und weniger wichtigen, ergebnisneutralen Toren zu unterscheiden. Ein Tor gilt als ergebniswirksam, wenn das Spiel ohne dieses Tor anders ausgegangen wäre, wie es ausging. Demgegenüber ist ein Tor ergebnisneutral, wenn das Spiel genau so ausgegangen wäre, wie es ausgegangen ist, falls das Tor nicht gefallen wäre. Das klingt theoretisch und für eine Sportart wie Fussball etwas gar fade. Ein paar Beispiele lichten den Nebel der Theorie.

Benfica Lissabon vs. Dynamo Kiew 1-0

In diesem Spiel in der Champions-League-Vorrundengruppe B schoss der Argentinier Eduardo Salvio in der 45. Minute das Tor des Spiels. Hätte er nicht getroffen, so wäre die Begegnung 0-0 ausgegangen. Also hat Salvio ein ergebniswirksames Tor erzielt. Gratulation.

Bayern München vs. FK Rostov 5-0

Im ersten CL-Spiel der Bayern in der abgelaufenen Spielzeit schossen Lewandowski (28. Minute), Müller (45.), Kimmich (53. / 60.) und Juan Bernat (90.) die Tore. Allerdings hätte Lewandowskis 1-0 bereits gereicht, damit sich die Münchner die drei Punkte hätten gutschreiben lassen können. Denn Rostov erzielte genau null Tore. Somit hat Lewandowski das einizige ergebniswirksame Tor erzielt. Alle anderen Tore erwiesen sich als ergebnisneutral. Das zeigt auch, dass die Torfolge respektive die Chronologie der Tore eine Rolle spielt. Hätten der Pole und Thomas Müller nicht getroffen, so wäre Kimmich der Schütze des ergebniswirksamen Tores gewesen.

FC Porto vs. FC Kopenhagen 1-1

Das 1-0 fiel in der 13. Minute durch Otavio. Den Ausgleich schoss Cornelius in der 52. Minute. Beide Torschützen haben je ein ergebniswirksames Tor erzielt. Denn wenn einer dieser Treffer nicht gefallen wäre, so wäre das Spiel mit einem Sieg der einen oder anderen Mannschaft ausgegangen.

Bayer Leverkusen vs. ZSKA Moskau 2-2

Mehmedi (9. Minute) und Calhanogh (15.) brachten Bayer Leverkusen mit 2-0 in Führung, ehe Dzagoev (36.) und Eremenko (38.) die Russen wieder ins Spiel zurückschossen. Nach 90 Minuten hiess es nach wie vor 2-2. Alle vier Torschützen haben ergebniswirksame Treffer erzielt. Denn hätte nur einer von ihnen nicht getroffen, wäre das Spiel nicht remis, sondern mit einer Siegermannschaft ausgegangen.

Die Analysen der beiden Spiele mit unentschiedenem Spielausgang lassen sich verallgemeinern: In Spielen, die mit einem Remis ausgehen, gibt es nur ergebniswirksame Tore, ausser natürlich, das Spiel endete 0-0. Weiter geht es mit Beispielen:

Paris Saint-Germain vs. FC Barcelona 4-0

Champions-League-Achtelfinal, Hinspiel. Für das Heimteam treffen Di Maria (18. / 55.), Draxler (40.) und Cavani (72.) die Tore. Barcelona reist mit einer massiven Hypothek nach Hause zurück. Das einzige ergebniswirksame Tor dieser Partie schoss Di Maria in der 18. Minute.

Doch das gilt nur, wenn die eine Partie betrachtet wird. In der K.O.-Phase der CL entscheidet jedoch das Gesamtergebnis nach Hin- und Rückspiel über Sieg und Niederlage.

Sergi-Roberto_PSG-Barca_CL2016-17

Sergi Roberto kehrt die Achtelfinalpartie zwischen Barcelona und Paris Saint-Germain – ein historisches und ergebniswirksames Tor.

FC Barcelona vs. Paris Saint-Germain 6-1

Suarez (3. Minute), Kurzawa (40., Eigentor) und Messi (50.) schossen die Katalanen mit 3-0 in Führung. Dann erzielte Cavani in der 62. Minute das 3-1. Das Auswärtstor für Paris Saint-Germain hätte den Ausschlag geben können. Immerhin, bis zu den beiden Toren von Neymar (88. / 90.) zum 4-1 und 5-1 war Cavani tatsächlich der Mann der Stunde, weil er aufgrund der Auswärtstorregel die Pariser in das Viertelfinale geschossen hätte. Zu diesem Zeitpunkt wären alle Pariser Torschützen aus dem Hin- und Rückspiel mit ergebniswirksamen Toren erfolgreich. Keines dieser Tore hätte fehlen dürfen, um den bis dahin stehende Ausgang der Achtelfinalbegegnung herzustellen, sprich: den PSG ins Viertelfinale zu bringen. Doch es kam mit einem Schlag anders: Sergi Roberto traf in der Nachspielzeit zum 6-1 und wendete das Blatt zugunsten von Barcelona. Sein Tor war für die den Ausgang der Partie im Camp Nou zwar nicht relevant, also ergebnisneutral – Barcelona hätte das Spiel sowieso gewonnen, wenn nicht 6-1, dann halt 5-1. Doch in der Endabrechnung von Hin- und Rückspiel erwies sich Sergi Robertos Tor als entscheidend: Denn es sicherte den Katalanen die Viertelfinalteilnahme und machte alle Torschützen der Spanier zu Skorern von ergebniswirksamen Treffern. Und ein riesen Spektakel ging zu Ende!

Ein spanischer Klub errang schliesslich auch die Champions-League-Trophäe. Beim 4-1 gegen Juventus gab es allerdings nur zwei Spieler, die ergebniswirksame Tore schossen: Ronaldo und Casemiro. Doch auch wenn dies die ausschlaggebenden Treffer waren, das Glanztor des Abends war doch das von Mandzukic. Damit will ich sagen: Auch ergebnisneutrale Tore können Geschichte schreiben!

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