Wohlstandsburgertum

Ich erinnere mich noch genau. Als Teenager machten wir, meine Freunde und ich, einen Spass daraus, mit Hamburger von McDonals durch die Gassen zu ziehen. Behelligt hat uns niemand. Denn Fleisch essen stand damals noch nicht so sehr in der öffentlichen Diskussion, das heute der Fall ist. Und in dem Masse wie der Fleischverzehr in den letzten Jahren in Verruf geraten ist, haben sich andere Ernährungsformen in den Vordergrund gespielt. Tofu- und Quornburger in allen Variationen – nature, geräuchert, mariniert, mit Paprika oder Pferrer – füllen die Ladenregale, Kühlschränke und Münder und Mägen. Das ist nichts Schlechtes! Denn Vegetarier und Veganer möchten sich lecker ernähren, sich also ab und zu einen Burger oder eine Art Schnitzel zubereiten. Auch als Fleischliebhaber weiche ich von Zeit zu Zeit auf vergane Produkte aus, wodurch sich meine Speisekarte um rund 50 Prozent erweitert hat.

Insektenburger

Nein, das ist kein Rindfleisch-, sondern ein Insektenburger. #Wohlstandsburgertum

Nun aber kommt die dritte Welle. Nach unbehelligtem Fleischkonsum und der Einführung von Quorn und Co. werden sich Schweizerinnen und Schweizer ab nächster Woche mit Insektenburger, namentlich aus Heuschrecken, Maden und Mehlwürmern, verköstigen. Warum genau ab nächster Woche? Weil die Regierung die kleinen Krabbler zuerst für den Verzehr zulassen musste und den Stichtag für die Markteinführung auf den 1. Mai festgelegt hat …

… Lassen wir die Politik für den Moment und bleiben wir bei den Insekten. Bei mir sind bisher zwei Argumente für den Insektenverkehr angekommen: Erstens sollen die Tierchen viel Protein enthalten. Eine Förderung der Insektenernährung würde unter dem Strich allen Menschen der Welt Zugang zu Eiweiss verschaffen. Guter Punkt! Das zweite Argument: Die Züchtung von Insekten sei ökologischer als die Produktion von Fleisch, bei der so und so viele Liter Wasser für ein Kilogramm Rindfleisch verbraucht würden. Auch das halte ich für ein berechtigtes Votum vonseiten der Befürworter und Fans von Insektennahrung.

Klar, dass auch die Skeptiker ihre Argumente bringen. Besonders oft lese oder höre ich vom Ekel und Schauer, der einem über den Rücken läuft, wenn der Blick auf die Knetmasse aus Maden oder Würmern, also Insektenburger, fällt. Gewiss haben wir Mitteleuropäer im Laufe unserer Erziehung gelernt, dass Insekten nichts zum Essen sind. Heuschrecken seien eklig, Maden sowieso und Würmer schon sehr nahe Schlagen und darum nicht nur böse, sondern sogar gefährlich, so sagte man uns. Trotzdem werde ich meine Neugier wohl kaum widerstehen können und nächste Woche ein paar Insekten verzehren.

So weit, so gut. Doch was zeigt uns die ganze Debatte um Fleisch, Tofu und Quorn sowie Insekten als Lebensmittel? Dass wir in einem unheimlichen Wohlstand leben! Uns geht es so gut, dass wir wählen können, wie viel wir wovon essen und von welchen Lebensmitteln wir gar nichts wissen wollen. Unser Wohlstand lässt es sogar zu, dass wir über solche Fragen abendprogrammfüllende Fernseh- und Radiosendungen durch den Äther schliessen. Ist das nicht verrückt?

Werbeanzeigen

Werden wir Chef oder entlassen?

Im Januar 2016 diskutierten Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft über das neue Wirtschaftszeitalter. Seither, so scheint es mir, liest und hört man immer öfter Beiträge zur Digitalisierung, Industrie 4.0 oder zu humanoiden Robotern. Ebenso finden Veranstaltungen statt, die neueste Maschinen oder Roboter dem Publikum präsentieren. Gerade letztes Wochenende zum Beispiel fand in Zürich der sogenannte «Cybathlon» statt. Sportler mit Behinderung traten unterstützt von technischen Assistenzsysteme zu Wettkämpfen antraten. Ausserdem wurden Innovationen vorgestellt, die in naher Zukunft schon in Serienproduktion gehen und uns Menschen im Alltag zur Seite stehen sollen. Beispielsweise hat eine Gruppe von Maschinenbau-Ingenieuren einen Rollstuhl entwickelt, der mit einer Art Raupe ähnlich einem Panzer ausgestattet ist und damit Treppen überwinden kann.

Konstruktionen wie diese beflügeln die Fantasie: Was wäre, wenn es in Zukunft weniger rollstuhlgängige Wohnung und mehr wohnungsgängige Rollstühle gäbe? Wie schnell könnte ein Mensch die 100-Meter laufen – etwa schneller als Usain Bolt? Und wie stark werden uns technische Systeme im Alltag und besonders bei der Arbeit entlasten?

Sogar digitale Köche könnten Realität werden

Geht es nach Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne, Forschern der University of Oxford, wird es zu mehr als nur einer Entlastung kommen. 47 Prozent der Arbeitnehmer in den USA könnten in den nächsten zwanzig ihren Job verlieren, sprich: durch digitale Systeme ersetzt werden, wie Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete. Frey und Osborne kalkulierten für diverse Berufsbilder die Wahrscheinlichkeit, dass die Digitalisierung den Menschen respektive seine Arbeitskraft noch in diesem Jahrhundert überflüssig macht. Mit einer von Wahrscheinlichkeit von über 95 Prozent würden Telefonverkäufer, Näher, Uhrenreparateure, Buchhalter, Zahntechniker und sogar Köche durch Maschinen ersetzt, so die Oxford-Studie, wie sie FAZ zitierte. Am anderen Ende der Skala seien Anwälte, Sozialarbeiter, Pflegefachpersonen, Zahnärzte und andere Berufsleute kaum ersetzbar. Auch Geschäftsführer könnten mit einer Wahrscheinlichkeit von nur zwei Prozent von beispielsweise künstlicher Intelligenz abgelöst werden, leben gemäss der Studie aus Oxford von einem vergleichsweise sicheren Job.

digitalisierung_gefahrete-berufe

Dezentralisierung von Führung

Die Antithese dazu liefert der Hermann Arnold, Verwaltungsrat, Mitbegründer und Ex-Geschäftsführer der Software-Firma Haufe-Umantis AG aus St. Gallen. «Ex-Geschäftsführer» deswegen, weil Arnold von seiner CEO-Rolle zurück- und in das Team seiner Mitarbeit eingetrat. Unter dem Schlagwort «Liquid Leadership» diskuiert er in seinem Buch «Wir sind Chef», wie digitale, internetbasierte Plattformen die bisher in der CEO-Funktion gebündelten Aufgaben in Zukunft von einer Arbeitsgruppe übernommen werden könnten. Mit anderen Worten: Digitalisierung dezentralisiert Führungsaufgaben, Hierarchien flachen ab, Netzwerkunternehmen entstehen.

hermann_arnold

Mitbegründer, Verwaltungsrat und Ex-Geschäftsführer der Haufe-Umantis AG (Quelle: http://www.haufe.com)

Nicht viel Neues, oder?

Arnolds These ist nichts Neues. Oliver E. Williamson widmete seine fast ein halbes Jahrhundert währende wissenschaftliche Karriere der Insitutionenökonomie, ganz besonders der Transaktionskostentheorie. Anhand dieser Theorie lässt sich zeigen, dass digitale Technologien netzwerkförmige Organisationsformen zulasten von Hierarchien begünstigen. Denn, so die Argumentation der Institutionenökonomen, digitale Technologien reduzieren die Kosten für Anbahnung, Aushandlung, Abschluss und Anpassung von Tauschverhältnissen, Beziehungen und Verträgen. Das leuchtet ein: Zweifelsohne erleichtert es die Arbeit, anstelle von Briefen einfach eine E-Mail zu schreiben. Oder es reduziert Aufwand, Zeit und Kilometer auf dem Arbeitsweg, wenn Mitarbeiter über Skype kommunizieren können anstatt sich im Unternehmensgebäude zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort – etwa Besprechungszimmer 411 – zusammensetzen müssen. Demnach ist Arnolds Buch, so frisch auf dem Markt es auch ist, nur ein Abklatsch längst akzeptierter Theorie und Praxis.

Wie wird es dereinst denn nun sein?

Doch «Wir sind Chef» erfährt Brisanz, wenn man die Botschaft des Autoren mit der Tendenz kontrastiert, gewisse menschliche Arbeiten durch künstliche Intelligenz, Roboter etc. zu substituieren. Hatten doch die Oxford-Forscher Frey und Osborne gerade die Geschäftsführer als kaum ersetzbare Funktionsträger eingewertet. Was denn nun? Die unterschiedlichen Prognosen machen zunächst deutlich: Niemand weiss so genau, wie sich die Digitalisierung auf die Berufsbilder auswirkt. Das ist eine relative platte Erkenntnis, die aber den Weg ebnet, verschiedene Szenarien zu skizzieren. Im Grunde, so scheint es mir aufgrund all der Berichte zum Thema «Arbeit und Digitalisierung», lassen sich besonders die folgenden Szenarien durchspielen.

Das erste: Digitalisierung wird in erster Linie Menschen aus schlecht bezahlten, wenig qualifizierten, repetitive Berufen in die Arbeitslosigkeit drängen. Denn für genau solche stark repetitiven Arbeiten können beispielsweise Algorithmen geschrieben und Roboter eingesetzt werden. Die Arbeitslosigkeit würde steigen – und mit ihr die Anzahl psychisch kranker Menschen wie Depressionspatienten. Die Kosten im Gesundheitswesen stiegen an. Unter den Prämienzahlern wären gerade die Menschen besonders von noch schroffer steigenden Prämien besonders betroffen, die gerade durch die Digitalisierung aus der Erwerbsarbeit gedrängt und schliesslich krank wurden. Die noch Erwerbstätigen müssten immer mehr Arbeitslose und Kranke über Wasser halten. Unter dem Strich sinkt der gesellschaftliche Wohlstand.

szenarien

Mehr in Szenarien und weniger in Gewissheiten über die Zukunft denken und debattiere. Das wär’s!

Einem zweiten Szenario zufolge, wird die Digitalisierung alle Berufe betreffen, handle es sich nun um hochqualifizierte oder um unqualifizierte Arbeiten. Die menschliche Arbeit wird sich demnach verändern, nicht aber abgelöst werden. So würden Mensch und Maschine in Zukunft Hand in Hand arbeiten. Ein Produktivitätsschub könnte dann für stärkeres Wirtschaftswachstum und höheren Wohlstand sorgen.

Neben den beiden angerissenen Szenarien gibt es gewiss jede Menge weitere. Der Diskussion dieses Themas täte es gut, so meine ich doch, mehr in Chancen, Risiken und Szenarien und weniger in Tatsachen und Gewissheiten über die Zukunft – «so und so wird es bestimmt werden» – zu denken und debattieren.