Eszett

Der Rat für deutsche Rechtschreibung war es, der letzte Woche eine für ein «Hoppla!» unter Typografen sorgte. Das bisher nur als Kleinbuchstabe existierende Eszett gibt es nun auch als Versal.

Eszett_Versal

Das kleine Eszett (ß) wird in Deutschland  angewendet, wenn ein Doppel-s nach einem langen Vokal folgt, zum Beispiel:

  • das Mass – das Maß
  • fliessen – fließen
  • der Fuss – der Fuß
  • grüssen – grüßen
  • geniessen – genießen

Aber:

  • der Kuss – der Kuss
  • die Masse – die Masse
  • hissen – hissen
  • der Riss – der Riss
  • der Fluss – der Fluss

Ihr seht schon. Das Eszett kommt im Deutschen immer innerhalb eines Wortes oder an seinem Ende zum Einsatz. Niemals jedoch findet sich ein Eszett am Wortanfang. Oder wer kann mir ein Wort nenne, das mit einem Doppel-s respektive dann mit einem Eszett anfängt?

Darum fragt sich unsereins, warum es denn nun das Eszett auch als Grossbuchstabe überhaupt braucht. Die Begründung des Rechtschreibrat: Wenn Wörter in Versalschrift geschrieben werden, braucht es das grosse Eszett. Dies beispielsweise bei Namen, die in Reisepässen mit Grossbuchstaben vermerkt werden, also:

  • Anna Strassmann – ANNA STRAẞMANN
  • Stefan Krausse – STEFAN KRAUẞE

Aber auch:

  • das Mass – das MAẞ
  • fliessen – FLIEẞEN
  • der Fuss – der FUẞ
  • grüssen – GRÜẞEN
  • geniessen – GENIEẞEN

Zumindest auf der Tastatur meines Notebooks finde ich das Eszett allerdings nirgends. Darum scheint es mir ganz nützlich zu sein, die alt-Befehle für das grosse und das kleine Eszett zu kennen. Voilà:

alt + 7838 ergibt das grosse Eszett ẞ
alt + 225 ergibt das kleine Eszett ß

Korrektur lesen

Korrekturlesen ist langweilig, Tippfehler sind nicht relevant, solange der Inhalt passt, und ausserdem weiss heute sowieso niemand mehr so recht, welche Schreibweise richtig und welche falsch ist.

So etwa lauten die Argumente, mit denen sich Schreibende immer wieder vor Schlusskorrekturen drücken. Und ja, ich gebe zu, dass ich auch lieber Texte schreibe als sie zu korrigieren. Deshalb und weil ich von Berufs wegen oft Korrektur lesen muss, habe ich mir ein paar Strategien zurechtgelegt, die mir die Arbeit erleichtern und die ihr euch gerne abkupfern könnt.

Die Einstellung macht’s: Lerne dazu!

Jeder Text enthält Wörter oder Ausdrücke, die rechtschreiblich anspruchsvoll sind und selbst geübte Schreiber in Zweifel geraten lassen. Da hilft meist nur ein Blick in den Duden oder auf Canoo. Dafür weiss man hinterher, ob es nun «zu fünft» oder zu «zu Fünft», «von Amtes wegen» oder «von Amteswegen», «Nummer sicher» oder «Nummer Sicher» heisst. Mit anderen Worten: Man lernt! Und wer mit der Einstellung «Hey, ich will beim Korrekturlesen auch was lernen» an die Sache geht, arbeitet sicher motivierter und daher leichter als jemand, der nur auf Pflichterfüllung bedacht ist.

Schlüsselwörtern folgen

Korrekturlesen geht auch anders, als den Text vom ersten bis zu letzten Buchstaben brav durchzulesen. Stattdessen sucht ihr Euch etwa zehn Schlüsselbegriffe aus, von denen ihr wisst, dass sie im Text häufig vorkommen. Dementsprechend sollten diese Ausdrücke stets richtig geschrieben sein. Prüft also zunächst, ob dies der Fall ist, indem ihr die Suchfunktion des Textverarbeitungsprogramms nutzt.

«Mit der Schlagwort-Korrektur-Methode war ich doppelt so schnell und effektiv wie mit der klassischen Korrekturmethode.»

Geht zuerst mögliche falsche Schreibweisen durch, beispielsweise «Kundenbratung». Anschliessend sucht ihr auch nach der richtigen Schreibweise, also «Kundenberatung». Wenn immer euch die Suchfunktion einen Treffer anzeigt, korrigiert ihr nicht nur das einzelne Wort, sondern den gesamten Abschnitt, in dem dieses Wort steht. Dabei findet ihr mögliche weitere Fehler und könnt sie gleich ausmerzen.

Ich habe die Methode kürzlich getestet und eine kleine Statistik geführt. In einem über 100-seitigen Text habe ich damit innerhalb von zwei Stunden 110 Fehler eliminiert. Die anschliessende A-bis-Z-Korrektur des Textes förderte innerhalb von vier Stunden nochmals 120 Fehler zutage. Das heisst, dass ich mit der Schlagwort-Korrektur-Methode doppelt so schnell und effektiv war wie mit der klassischen Korrekturmethode.

Den Text vom Ende her lesen

Dieses Vorgehen könnt ihr auf einzelne Wörter, Sätze, Abschnitte oder ganze Texte anwenden. Beginnt einfach mit dem Schlusspunkt und lest bis an den Anfang zurück. Damit entgeht er der Versuchung, über den Text hinwegzulesen und kleinere Fehler zu übersehen. Denn ihr werdet weniger auf Inhalt und Sinn achten, dafür umso mehr auf die Syntax.

Wie war das nochmal?

In diesem Beitrag habe ich einige Beispiele von richtig und falsch geschriebenen Ausdrücken verwendet, ohne zu sagen, was denn nun gilt. Hier die Auflösung:

richtig falsch
zu fünft zu Fünft, zufünft, Zufünft etc.
von Amtes wegen von Amteswegen, von amteswegen etc.
Nummer sicher Nummer Sicher, Nummersicher etc.

 

Im Übrigen schreibt man «Korrektur lesen», wenn von einer Tätigkeit die Rede ist: «Ich lese Korrektur». Das verhält sich gleich wie bei «Ich fahre Rad». Hingegen heisst es «Korrekturlesen», wenn der Ausdruck als Substantiv gebraucht wird: «[Das] Korrekturlesen kann auch Spass machen.»

Sesam, öffne dich!

Was machten unsere Vorfahren, wenn sie am Wochenende mit leerem Geldbeutel ein Glace oder einen Eistee oder ein Zug-Ticket von St. Gallen nach Zürich kaufen wollten? Ganz klar griffen sie nicht zu Plastikgeld, weil es erst später Verbreitung fand. Genausowenig zogen sie sich ein paar Scheine aus dem am nächsten gelegenen Bancomat. Denn Geldautomaten gibt es erst seit 50 Jahre!

Ein Schotte hat ihn erfunden, den Geldausgabeautomat

Zwar hatte George Luther Simjian schon 1939 eine Art Bancomat entwickelt, das Gerät aber mangels Akzeptanz bei den Leuten nach einem halben Jahr wieder abgebaut. Erst im Juni 1967 installierte der Schotte John Shepherd-Barron den ersten funktionstüchtigen Geldautomat. Das Gerät soll in Enfield Town nördlich von London bei der Barclays Bank Schecks gegen Bargeld getauscht haben und in der Bevölkerung Anklang gefunden haben.

Erster Geldautomat auf europäischem Festland in der Schweiz

In der Folge übernahm die Schweizerische Nationalbank das Konzept von Shepherd-Barron. Weitere Länder, Banken und Herstellerfirmen folgten. Und ich erinnere mich noch genau an meine Kindheit: Damals hiessen die Geräte noch „Sesam“. Also sagte man damals, vor etwa 30 Jahren: „Ich muss noch beim Sesam vorbei.“ Tönt fast ein wenig wie im Märchen von Ali Baba und seiner Schatzhöhle … obschon die Bezeichnung „Sesam“ damit wohl nichts zu tun hat, sich wohl eher auf die Software der Geldautomaten bezogen haben wird.

1 600 Geldautomaten auf eine Million Einwohner in Österreich

Heute kann die Schweizer Bevölkerung an über 7000 Bancomaten Bargeld beziehen. Damit kommen pro eine Million Einwohner rund 834 Bancomaten. Mit dieser Geldautomaten-Dichte hält die Schweiz mit beispielsweise Italien Schritt. Unsere südlichen Nachbarn verfügen über 832 Geldautomaten pro eine Million Einwohner, wie eine Infografik von Statista zeigt.

Statista_Infografik_Geldautomaten

Länder wie die Niederlande, Finnland oder Schweden haben deutlich weniger Geräte in Betrieb. Der EU-Durchschnitt von 879 Automaten auf eine Million Menschen übersteigt das Niveau der Schweiz zwar nur leicht. Klarer fällt aber der Vergleich mit Österreich aus. Dort gibt es 1 600 Geldausgabeautomaten pro Million Einwohner. Auch in Portugal, Belgien, Grossbritannien, Spanien, Deutschland liegt die Geldautomaten-Dichte höher als in der Schweiz.

Bargeldliebhaber

Heisst das nun, dass in der Schweiz im Vergleich zu anderen europäischen Staaten weniger Bargeld im Umlauf ist? Sind wir hierzulande etwa bargeldscheu? Weit gefehlt! Pro Kopf zirkulieren in der Schweiz mehr als 9 200 US-Dollar, im Euroraum nur etwa 3 600 US-Dollar und in den USA etwas mehr als 4 400 US-Dollar; die Angabe in US-Dollar dient hier nur der Vergleichbarkeit. Die Schweizerinnen und Schweizer gehören also zu den Bargeldliebhabern, wenn man so will.

Das zeigt, dass wir unserer Währung, dem Schweizer Franken, vertrauen und davon ausgehen, dass ihr Wert stabil bleibt. Zu Recht, wie ich meine und gerade in den letzten Jahren immer wieder deutlich wurde. So lohnt es sich schliesslich, immer etwas Schweizer Franken im Haus zu haben – auch wenn wir heute nicht mehr Zahlungsnot geraten wie unsere Vorfahren damals, als es noch keine Geldautomaten gab.

Deutsch-Grammatik: Manchmal kann man nur noch raten.

Ich wusste es nicht. Oder habe ich nur falsch geraten, als ich heute in schlaftrunkenem Zustand das 20min-Quiz zu den Pluralformen von 15 Wörtern löste? Jedenfalls lautet der Plural von „der Hass“ … Ja, wie lautet der eigentlich? Ratet mal. Die Antwort erfahrt ihr, wenn ihr 20min-Quiz löst.

Übrigens: Was meint ihr, wie man die Mehrzahl von „das Quiz“ bildet? Es gibt zwei Versionen. Die eine schreibt sich „die Quiz“, die andere lautet „die Quizze“.

Auch etwas speziell verhält sich die Pluralbildung folgender Nomen. Testet euch selbst!

  • der Saal
  • das Museum
  • der Index
  • das Plenum
  • das Chaos
  • der Lapsus
  • die Spontaneität
  • die Butter
  • das Glück
  • das Geld

Lösungen

Veröffentlicht in Alle, Wortgut. Schlagwörter: , , , , , , . Leave a Comment »

Kernspalter

Vorgestern habe ich euch von der kernigen Post berichtet, die ich vom „Nuklearforum Schweiz“ erhalten hatte. In der Zwischenzeit ist die Tafel Läderachschokolade mit ganzen Haselnüssen zur Hälfte verkostet. Nochmals vielen Dank, liebes Nuklearforum! Auch die Infos erwiesen sich als äusserst aufschlussreich.

Fakten, Fakten, Fakten und Frage- wie Dollarzeichen

Unterschlagen habe ich euch gestern allerdings zig Fakten, bei deren Anblick einem die Fragezeichen in die Augen schiessen wie die Dollarzeichen unserem Entenhausener Jugendfreund Dagobert Duck.

Ein solches Faktum ist zum Beispiel, dass China zurzeit 21 Kernkraftwerke mit einer Gesamtleistung von 21 500 MW baut und Pläne für 38 weitere KKW schmiedet. Total könnten die Chinesen ihren Bestand von 35 auf 94 KKW erhöhen und die Gesamtleistung ihrer Kernkraftinfrastruktur von 31 364 auf rund 90 800 MW steigern. Warum auch nicht? Mit der Zunahme der Kernkraft könnte sich der Anteil von Energie aus Kohle im Energiemix des Reichs der Mitte reduzieren. Ausserdem soll den Chinesen nicht verboten sein, was in unseren Breitengraden während Jahrzehnten als opportun galt.

Und dann war da noch Frankreich

Frankreich betreibt 58 KKW, die zusammen 72 Prozent der Energieversorgung bestreiten. Kein anderes europäisches Land erreicht auch nur ansatzweise die *Atomkraft* der Grande Nation. Die ist also eine Art Anomalie in der zusehends grünen, europäischen Energieversorgungslandschaft. Warum ist das so? Ich gehe einfach mal ein paar Vermutungen durch.

Messmer-Plan

Möglicherweise stecken historische Gründe hinter der französischen Präferenz für Kernkraft. Dazu erzählt mir Wikipedia vom sogeannten Messmer-Plan, der auf den anfangs der 1970er-Jahre amtierenden Premierminister Pierre Messmer zurückgeht. Frankreich sollte die Energieproduktion aus Uran steigern, um weniger abhängig von Energieimporten zu werden. Zugleich gab es damals ein Atomkommissariat, eine Verwaltungsstelle also, mit 3 000 Mitarbeitenden. Die sollen, so Wikipedia, unterbeschäftigt gewesen sein. Der Kommissariatsleiter, ein gewisser Monsieur André Giraud, soll eins und eins zusammengezählt und in die Vollen gegangen sein. Sprich: Er trieb den Bau von fünf Atomkraftwerken bis 1975 voran.

2017_06_10_Fessenheim

Fessenheim ist das älteste, aber auch leistungsschwächste Kernkraftwerk Frankreichs.

Das damalige französische Staatsoberhaupt Georges Pompidou stand hinter der Ausweitung der Atomenergie, zumal sich Frankreich im Zuge der Industriealisierung von einer landwirtschaftlichen zu einer zusehends industriellen Gesellschaft wandelte und dementsprechend nicht nur der Energiehunger der Wirtschaft, sondern auch die Zahl der zu beschäftigenden Menschen im zweiten Sektor stieg. In der Folge kam es zu einem regelrechten Atomkraft-Boom: Zwischen 1980 und 1986 gingen 37 Atomkraftwerke ans Netz.

Diese Entwicklung erklärt wohl bereits hinreichend, warum die Atomenergie in Frankreich einen derart hohen Stellenwert geniesst. Doch ich wäre nicht ich, wenn ich nicht noch irgendwie etwas Querdenkerisches untersuchen würde.

Landeskultur nach Geert Hofstede

Gibt es nicht vielleicht einen Zusammenhang zwischen dem Anteil der Atomenergie an der Gesamtenergieproduktion eines Landes und seiner Kultur? Mit Kultur meine ich nicht so sehr Literatur, Kunst, Theater und dergleichen, sondern die Art und Weise, wie die Leute denken, sprechen, handeln, zusammenleben. Diesem Thema hat Geert Hofstede sein ganzes Forscherleben gewidmet, weswegen wir fundiertes Datenmaterial zu den Landeskulturen rund um den Erdball zur Verfügung haben.

Hofstede erfasst die Landeskultur in sechs Dimensionen:

  • Power Distance / Machtdistanz
  • Individualism / Individualismus
  • Masculinity / Maskulinität
  • Uncertainty Avoidance / Vermeidung von Unsicherheit
  • Long-term Orientation / Langfristorientierung
  • Indulgence / Genussfreundlichkeit

Diese Dimensionen erlauben es beispielsweise, die Landeskultur Frankreichs mit der von Grossbritannien zu vergleichen. Grossbritannien eignet sich zum Vergleich mit Frankreich, weil die Bevölkerung beider Länder etwa gleich gross ist und das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf auf ähnlich hohem Niveau liegt. Damit können wir zwei Einflussfaktoren eliminieren, die neben der Landeskultur die Atomenergieneigung eines Landes auch noch beeinflussen könnten. Die Aussagekraft des Landeskulturvergleichs steigt also.

Kulturdimension Frankreich Grossbritannien
Power Distance 68 35
Individualismus 71 89
Masculinity 43 66
Uncertainty Avoidance 86 35
Long-term Orientation 63 51
Indulgence 48 69
Anzahl KKW 58 15
Gesamtleistung (MW) 63 130 8 918
% Energieproduktion total 72 20

Eine Dimension springt ins Auge, die Unsicherheitsaversion: Die Briten kommen mit Unsicherheit relativ gut zurecht. Frankreich gilt gemäss den Hofstede’schen Kulturdimensionen als unsicherheitsfeindliche Nation. Nebendem betreibt Grossbritannien rund viermal weniger KKW als Frankreich. Ja und an dieser Stelle zeichnet sich ein Zusammenhang mit dem Messmer-Plan ab. Dieser wurde zwar auch deswegen vorangetrieben, um den wachsenden Energiebedarf der Wirtschaft zu decken, ursprünglich aber gefasst und eingeleitet, um die Abhängigkeit von Energieimporten zu reduzieren. Abhängigkeit von Importen bedeutet Unsicherheit über die Energieversorgung in der Zukunft. Diese in die eigenen Hände zu nehmen, ist ein typisches Verhalten von unsicherheitsvermeidenden, die Zukunft kontrollierenden Nationen, wie Geert Hofstede auf seiner Website erklärt.

Ergebnis

Die landeskulturelle Neigung Frankreichs, Unsicherheiten zu vermeiden, förderte den Messmer-Plan und führte über diesen zu einer hohen Anzahl Kernkraftwerken und einem beispiellosen Anteil der Atomenergie an der Gesamtenergieproduktion der Grande Nation.

Gewiss, gewiss. Was ihr soeben gelesen habt, ist nur beschränkt aussagekräftig. Ein Vergleich von nur zwei Ländern kann die Welt nicht erklären. Es bräuchte wohl eine statistische Auswertung über zig Länder hinweg, um eine generell gültige Aussage zu treffen. Aber immerhin haben die paar Schlaglichter, die dieser Beitrag geworfen hat, eine in sich schlüssige Geschichte ausgeleuchtet. Das diese mehr als 770 Wörter Volumen aufweist, war so sicher nicht beabsichtigt. Sorry, aber ich hatte zu wenig Zeit, um mich kurzzufassen. Diesem Thema sollte ich wohl mehr Beachtung schenken … zum Beispiel in einem der nächsten Posts. Bis dann, auf Wiederlesen!

 

Kernige Post

Heute rutschte mir ein wonniges „Hoppla“ über die Lippen, als ich meinen Briefkasten leerte. Endlich hielt ich doch noch in Händen, was ich vor einem Jahr aus Interesse am Thema „Kernkraft“ bestellt und inzwischen als verschollen abgehakt hatte: 14 Faktenblätter, fünf Broschüren, drei Faltblätter, ein Zahlen-Daten-Fakten-Heft des „Nuklearforum Schweiz„, des Vereins, der sich der friedlichen Nutzung und Weiterentwicklung von Kernkraft in der Schweiz verschrieben hat. On-Top gab es eine Tafel Haselnuss-Schokolade von Läderach. Herzlichen Dank dafür und für die reichhaltigen Informationen, die mir so manche Wissenslücke schlossen.

Im Kontrollraum

Beispielsweise ahnte ich nicht, dass sich jedermann und jedefrau während zu den Infozentren, den Kontrollräumen und Kühltürme der Kernkraftwerke Gösgen und Leibstadt führen lassen kann. So eine Führung muss unabhängig von der politischen Gesinnung ein herausragendes Erlebnis sein – wann sonst kommt einer als Normalbürger schon in einen Kontrollraum eines KKW? Ich hoffe, überhaupt nicht!

20170608_KK_Gösgen

Ja, auch das ist die Schweiz: Das Kernkraftwerk Gösgen ist eines der fünf Kernkraftwerke, die zusammen 34 Prozent des Schweizer Energiehaushalt bestreiten.

Wohin beim GAU

Im Falle eines GAU in Gösgen oder Leibstadt wäre ich selbst betroffen, weil ich in Zürich wohne und Zürich im Gefahrenradius der KKW liegt. Vor ein paar Jahren schickte mir die Schweizer Eidgenossenschaft sogar eine Packung Jodtabletten, um im Ernstfall gerüstet zu sein. Doch ganz ehrlich: Was würdet ihr tun, wenn ihr in eurer Umgebung ein Reaktor hoppsginge? Ich würde das Weite suchen, Jodtabletten hin oder her.

Um auf Nummer sicher zu gehen, würde ich wohl über die Landesgrenzen flüchten. Nach Deutschland zum Beispiel. Dort gibt es zwar acht KKW, die zusammen 10 799 MW Energie produzieren (Stand: 31.12.2016). Doch diese Menge macht nur 13 Prozent im Energiemix unseren nördlichen Nachbarn aus, was die gefühlte Sicherheit bestärkt. Zudem ist Deutschland schon einiges weiter in Sachen „erneuerbare Energien“ als die Schweiz und so gesehen ein ziehmlich geeignetes Fluchtziel bei einem GAU.

Zum Vergleich: In der Schweiz betreiben wir fünf KKW, die nur 3 333 MW Energie pro Jahr hervorbringen und damit rund einen Drittel der Schweizer Energieversorgung bestreiten. Doch die Reaktoren sind älter und die erneuerbare Energien hinken mit Ausnahe der Wasserkraft noch etwas hinterher.

China mit nur vier Prozent Atomenergie

Diese Zahlen haben mich nun noch nicht vom Hocker respektive Bürostuhl gehauen. Doch dann fiel mein Blick auf die Daten zu China, die in der Broschüre „Kernkraftwerke der Welt“ verzeichnet sind. Sage und schreibe lächerliche vier Prozent des Energiehaushalts geht im Reich der Mitte auf Uran und Co. zurück. Sehr fortschrittlich … … meine Euphorie wurde ebenso jäh gebremst wie sich die Hoffnungen auf einen hohen Anteil erneuerbarer Energie am chinesischen Energiemix zerschlugen. Die Bilder vom Smog in Grossstädten wie Beijin tauchten auf und bewahrheiteten sich mit einem Blick in die Statistik der Bundeszentrale für politische Bildung: China zieht etwa zwei Drittel seiner Energie aus Kohle. Immerhin zehn Prozent kommen aus erneuerbaren Energiequellen. Und dieser Prozentsatz ist wiederum doppelt so hoch wie der der USA. In der Vereinigten Staaten werkeln volle 99 KKW, die rund 99 869 MW pro Jahr erzeugen. Die Energiemenge deckt einen Fünftel des Energiebedarfs der Nordamerikaner.

Läderach!

Wenn ihr bis hierher mitgelesen habt, zolle ich Euch Respekt für euer Interesse am Thema, kann aber auch verstehen, wenn dieses seine Grenzen hat. So ist es zumindest bei mir. Zahlen sind nützlich, Worte ebenfalls. Doch bei Läderach-Schokolade werde sogar ich schwach. En guete! Fortsetzung der Nuklear-Geschichte folgt.

Von wichtigen und weniger wichtigen Toren

Habt Ihr gestern Abend auch den Champions-League-Final mitverfolgt? Das Spiel bot so einiges an Toren, von denen zum Beispiel das von Mandzukic in der 27. Minute ohne Weiteres das Zeug zum „Tor des Jahres“ hat. Doch so schön das Tor des Kroaten war, so nutzlos erwies es sich nach 90 Minuten, weil Ronaldo, Casemiro und Asensio das Spiel noch zugunsten von Real Madrid und gegen Juventus Turin wendeten.

Mandzukic_Juve-Madrid_CLF2017

Mandzukic trifft, Juve verliert dennoch, Real Madrid gewinnt die Champions League 2016/2016. Doch dieses Tor werden wir noch ein paar Mal sehen – vielleicht sogar als „Tor des Jahres“.

 

Immerhin löste Mandzukics Traumtreffer die Idee bei mir aus, zwischen wichtigen, ergebniswirksamen und weniger wichtigen, ergebnisneutralen Toren zu unterscheiden. Ein Tor gilt als ergebniswirksam, wenn das Spiel ohne dieses Tor anders ausgegangen wäre, wie es ausging. Demgegenüber ist ein Tor ergebnisneutral, wenn das Spiel genau so ausgegangen wäre, wie es ausgegangen ist, falls das Tor nicht gefallen wäre. Das klingt theoretisch und für eine Sportart wie Fussball etwas gar fade. Ein paar Beispiele lichten den Nebel der Theorie.

Benfica Lissabon vs. Dynamo Kiew 1-0

In diesem Spiel in der Champions-League-Vorrundengruppe B schoss der Argentinier Eduardo Salvio in der 45. Minute das Tor des Spiels. Hätte er nicht getroffen, so wäre die Begegnung 0-0 ausgegangen. Also hat Salvio ein ergebniswirksames Tor erzielt. Gratulation.

Bayern München vs. FK Rostov 5-0

Im ersten CL-Spiel der Bayern in der abgelaufenen Spielzeit schossen Lewandowski (28. Minute), Müller (45.), Kimmich (53. / 60.) und Juan Bernat (90.) die Tore. Allerdings hätte Lewandowskis 1-0 bereits gereicht, damit sich die Münchner die drei Punkte hätten gutschreiben lassen können. Denn Rostov erzielte genau null Tore. Somit hat Lewandowski das einizige ergebniswirksame Tor erzielt. Alle anderen Tore erwiesen sich als ergebnisneutral. Das zeigt auch, dass die Torfolge respektive die Chronologie der Tore eine Rolle spielt. Hätten der Pole und Thomas Müller nicht getroffen, so wäre Kimmich der Schütze des ergebniswirksamen Tores gewesen.

FC Porto vs. FC Kopenhagen 1-1

Das 1-0 fiel in der 13. Minute durch Otavio. Den Ausgleich schoss Cornelius in der 52. Minute. Beide Torschützen haben je ein ergebniswirksames Tor erzielt. Denn wenn einer dieser Treffer nicht gefallen wäre, so wäre das Spiel mit einem Sieg der einen oder anderen Mannschaft ausgegangen.

Bayer Leverkusen vs. ZSKA Moskau 2-2

Mehmedi (9. Minute) und Calhanogh (15.) brachten Bayer Leverkusen mit 2-0 in Führung, ehe Dzagoev (36.) und Eremenko (38.) die Russen wieder ins Spiel zurückschossen. Nach 90 Minuten hiess es nach wie vor 2-2. Alle vier Torschützen haben ergebniswirksame Treffer erzielt. Denn hätte nur einer von ihnen nicht getroffen, wäre das Spiel nicht remis, sondern mit einer Siegermannschaft ausgegangen.

Die Analysen der beiden Spiele mit unentschiedenem Spielausgang lassen sich verallgemeinern: In Spielen, die mit einem Remis ausgehen, gibt es nur ergebniswirksame Tore, ausser natürlich, das Spiel endete 0-0. Weiter geht es mit Beispielen:

Paris Saint-Germain vs. FC Barcelona 4-0

Champions-League-Achtelfinal, Hinspiel. Für das Heimteam treffen Di Maria (18. / 55.), Draxler (40.) und Cavani (72.) die Tore. Barcelona reist mit einer massiven Hypothek nach Hause zurück. Das einzige ergebniswirksame Tor dieser Partie schoss Di Maria in der 18. Minute.

Doch das gilt nur, wenn die eine Partie betrachtet wird. In der K.O.-Phase der CL entscheidet jedoch das Gesamtergebnis nach Hin- und Rückspiel über Sieg und Niederlage.

Sergi-Roberto_PSG-Barca_CL2016-17

Sergi Roberto kehrt die Achtelfinalpartie zwischen Barcelona und Paris Saint-Germain – ein historisches und ergebniswirksames Tor.

FC Barcelona vs. Paris Saint-Germain 6-1

Suarez (3. Minute), Kurzawa (40., Eigentor) und Messi (50.) schossen die Katalanen mit 3-0 in Führung. Dann erzielte Cavani in der 62. Minute das 3-1. Das Auswärtstor für Paris Saint-Germain hätte den Ausschlag geben können. Immerhin, bis zu den beiden Toren von Neymar (88. / 90.) zum 4-1 und 5-1 war Cavani tatsächlich der Mann der Stunde, weil er aufgrund der Auswärtstorregel die Pariser in das Viertelfinale geschossen hätte. Zu diesem Zeitpunkt wären alle Pariser Torschützen aus dem Hin- und Rückspiel mit ergebniswirksamen Toren erfolgreich. Keines dieser Tore hätte fehlen dürfen, um den bis dahin stehende Ausgang der Achtelfinalbegegnung herzustellen, sprich: den PSG ins Viertelfinale zu bringen. Doch es kam mit einem Schlag anders: Sergi Roberto traf in der Nachspielzeit zum 6-1 und wendete das Blatt zugunsten von Barcelona. Sein Tor war für die den Ausgang der Partie im Camp Nou zwar nicht relevant, also ergebnisneutral – Barcelona hätte das Spiel sowieso gewonnen, wenn nicht 6-1, dann halt 5-1. Doch in der Endabrechnung von Hin- und Rückspiel erwies sich Sergi Robertos Tor als entscheidend: Denn es sicherte den Katalanen die Viertelfinalteilnahme und machte alle Torschützen der Spanier zu Skorern von ergebniswirksamen Treffern. Und ein riesen Spektakel ging zu Ende!

Ein spanischer Klub errang schliesslich auch die Champions-League-Trophäe. Beim 4-1 gegen Juventus gab es allerdings nur zwei Spieler, die ergebniswirksame Tore schossen: Ronaldo und Casemiro. Doch auch wenn dies die ausschlaggebenden Treffer waren, das Glanztor des Abends war doch das von Mandzukic. Damit will ich sagen: Auch ergebnisneutrale Tore können Geschichte schreiben!