Sesam, öffne dich!

Was machten unsere Vorfahren, wenn sie am Wochenende mit leerem Geldbeutel ein Glace oder einen Eistee oder ein Zug-Ticket von St. Gallen nach Zürich kaufen wollten? Ganz klar griffen sie nicht zu Plastikgeld, weil es erst später Verbreitung fand. Genausowenig zogen sie sich ein paar Scheine aus dem am nächsten gelegenen Bancomat. Denn Geldautomaten gibt es erst seit 50 Jahre!

Ein Schotte hat ihn erfunden, den Geldausgabeautomat

Zwar hatte George Luther Simjian schon 1939 eine Art Bancomat entwickelt, das Gerät aber mangels Akzeptanz bei den Leuten nach einem halben Jahr wieder abgebaut. Erst im Juni 1967 installierte der Schotte John Shepherd-Barron den ersten funktionstüchtigen Geldautomat. Das Gerät soll in Enfield Town nördlich von London bei der Barclays Bank Schecks gegen Bargeld getauscht haben und in der Bevölkerung Anklang gefunden haben.

Erster Geldautomat auf europäischem Festland in der Schweiz

In der Folge übernahm die Schweizerische Nationalbank das Konzept von Shepherd-Barron. Weitere Länder, Banken und Herstellerfirmen folgten. Und ich erinnere mich noch genau an meine Kindheit: Damals hiessen die Geräte noch „Sesam“. Also sagte man damals, vor etwa 30 Jahren: „Ich muss noch beim Sesam vorbei.“ Tönt fast ein wenig wie im Märchen von Ali Baba und seiner Schatzhöhle … obschon die Bezeichnung „Sesam“ damit wohl nichts zu tun hat, sich wohl eher auf die Software der Geldautomaten bezogen haben wird.

1 600 Geldautomaten auf eine Million Einwohner in Österreich

Heute kann die Schweizer Bevölkerung an über 7000 Bancomaten Bargeld beziehen. Damit kommen pro eine Million Einwohner rund 834 Bancomaten. Mit dieser Geldautomaten-Dichte hält die Schweiz mit beispielsweise Italien Schritt. Unsere südlichen Nachbarn verfügen über 832 Geldautomaten pro eine Million Einwohner, wie eine Infografik von Statista zeigt.

Statista_Infografik_Geldautomaten

Länder wie die Niederlande, Finnland oder Schweden haben deutlich weniger Geräte in Betrieb. Der EU-Durchschnitt von 879 Automaten auf eine Million Menschen übersteigt das Niveau der Schweiz zwar nur leicht. Klarer fällt aber der Vergleich mit Österreich aus. Dort gibt es 1 600 Geldausgabeautomaten pro Million Einwohner. Auch in Portugal, Belgien, Grossbritannien, Spanien, Deutschland liegt die Geldautomaten-Dichte höher als in der Schweiz.

Bargeldliebhaber

Heisst das nun, dass in der Schweiz im Vergleich zu anderen europäischen Staaten weniger Bargeld im Umlauf ist? Sind wir hierzulande etwa bargeldscheu? Weit gefehlt! Pro Kopf zirkulieren in der Schweiz mehr als 9 200 US-Dollar, im Euroraum nur etwa 3 600 US-Dollar und in den USA etwas mehr als 4 400 US-Dollar; die Angabe in US-Dollar dient hier nur der Vergleichbarkeit. Die Schweizerinnen und Schweizer gehören also zu den Bargeldliebhabern, wenn man so will.

Das zeigt, dass wir unserer Währung, dem Schweizer Franken, vertrauen und davon ausgehen, dass ihr Wert stabil bleibt. Zu Recht, wie ich meine und gerade in den letzten Jahren immer wieder deutlich wurde. So lohnt es sich schliesslich, immer etwas Schweizer Franken im Haus zu haben – auch wenn wir heute nicht mehr Zahlungsnot geraten wie unsere Vorfahren damals, als es noch keine Geldautomaten gab.

Fünffranken und ihre Geschichte

Feiern ist schön. Besonders dann, wenn man von seiner Grossmutter eine Schachtel voll von Fünffrankenstücken erhält. Beschenkt wurde für einmal nicht ich, sondern ein Kollege von mir. Der wusste, dass ich Münzsammler bin und mich in der neueren Geschichte des Schweizer Münzwesen einigermassen gut auskenne. Sein Hilferuf kam sofort: «Sind da wertvolle Stücke dabei?»

Legierungswechsel

Heureka. Eine erste flüchtige Durchsicht ergab: Die Fünfliber stammen aus der Zeit vor 1969. Das sind die Jahrgänge, die aus einer Silber-Kupfer-Legierung herstellt wurden. Der Silbergehalt betrug zwischen 83,5 und 90 Prozent. Weil Ende der 1960er-Jahre der Preis für das weisse Edelmetall stieg, wuchs der Materialwert der Münzen über den Nennwert. Die Leute sammelten die Münzen, horteten sie. Zum Teil liegen die Silberstücke noch heute auf Dachböden, in Kellern, Nachttischen oder Schränken. Ab 1969 hat die Schweizerische Münzstätte die Umlauflaufmünzen in einer Kupfer-Nickel-Legierung geprägt. Kupfer ist zwar ein hervorragendes Metall, gilt sogar als Halbedelmetall, doch es kommt so reichlich vor, dass sein Marktwert gering ist. Dementsprechend beläuft sich der Materialwert der heutigen Fünffrankenstücke auf nur etwa zehn Rappen.

2017_05_21_Fuenffranken

Der Wechsel der Legierung stellt in der mehr als 150-jährigen Geschichte des Fünflibers den wohl markantesten Wendepunkt dar. Doch es gab immer wieder Jahrgänge, die als besondere Prägejahre in die Schweizer Münzgeschichte eingingen.

Schlaglichter auf die Geschichte des Fünflibers

Alle Münzen von zwischen 1850 bis 1916 haben auch in schlechtem Zustand wenige Hundert bis einige Tausend Franken wert. Herausragen die Münzen aus dem Jahr 1896, die im Zustand «stempelglanz» für bis zu 100 000 Franken gehandelt werden. Es gibt von diesem Jahrgang nur 2 000 Fünffrankenstücke davon.

Wertvoll sind auch die Fünfliber von 1922 und 1928, weil in geringer Stückzahl, mit Motiv «Alphirt» und einem einem Silberfeingewicht von 22,5 Gramm geprägt wurden. Bis 1922 verwendeten die Schweizer Münzmeister die «Helvetia» als Motiv. Und ab 1931 wurden die Fünfliber mit einem Feingehalt von 12.525 Gramm hergestellt, während in den Jahren 1929 und 1930 keine Fünffrankenstücke in Umlauf gegeben wurden.

Besonders wertvoll ist der Fünfliber des Jahrgangs 1928. Es gibt nur 24 000 Stücke dieser Ausgabe. Richtwert: Je nach Zustand 7 000 bis 25 000 Schweizer Franken.

Vom Jahrgang 1931 gibt es fünf Varianten. Eine davon ist eine reguläre, die genau so aussieht, wie die heutigen Fünfliber. Alle anderen sind Fehlprägungen. Bei drei Varianten haben die Mitarbeiter der Schweizer Münzstätte die Stempel für die Randsegmente falsch in die Prägemaschine eingesetzt. So entstanden Abarten, die heute für bis zu 4 000 Schweizer Franken gehandelt werden. Eine weitere Variante weist eine 70-Grad-Verschiebung der beiden Münzseiten auf. Wenn Ihr also die Wertseite aufrecht vor Euch hält, ist das Motiv auf der Bildseite um 70 Grad geneigt.

Der Jahrgang 1952 gilt als seltenster der Fünffranken-Münzgeschichte ab 1931. Es gibt 150 000 Stück, sein Wert schwankt zwischen 25 und 300 Franken.

Vom Jahrgang 1967 gibt es wiederum drei Varianten, eine davon ist korrekt, zwei sind Fehlprägungen. Bei der einen wurde das Randsegment «*** DOMINUS» über dem Kopf des Alphirten eingeprägt. Diese Abart kostet bis zu 3 500 Schweizer Franken.

1968: Diese Fünfliber wurden offiziell in Kupfer-Nickel geprägt. Bis heute sind allerdings etwa drei Stück aufgetaucht, die aus der bis 1967 / 1969 verwendeten Silber-Kupfer-Legierung angefertigt wurden. Wie denn das? Vermutlich haben die Münzmeister einige überzählige Silberronden des Jahrgangs 1967 im Jahr 1968 verarbeitet. Wie hoch der Wert dieser silberhaltigen Fünffrankenmünzen von 1968 ist, weiss ich nicht. Wahrscheinlich aber sind sie «unverkäuflich».

Die Jahrgänge 1985 bis 1993 wurden mit vertiefter Randprägung hergestellt. Die Sterne und der Schriftzug «DOMINUS PROVIDEBIT» ragen bei diesen Jahrgängen nicht heraus, sondern sind in den Münzrand versenkt. Die Münzmeister dachten, dass sich die Münzen so weniger rasch abnutzen würden. Das traf und trifft auch zu. Doch die Fünfliber mit vertiefter Randschrift büssten an Fälschungssicherheit ein. Einige Leute begannen also, diese Jahrgänge zu fälschen und sich so zu bereichern. Darum wurden alle Fünflibermünzen der Jahrgänge 1985 bis 1993 auf den 1. Januar 2004 ausser Kurs gesetzt. Doch wer bei Barzahlungen das Wechselgeld prüft, findet heute – Jahr 2017 – noch Fünfliber mit nach innen geprägter Randschrift. Ausnahmen bilden die Münzen der Jahrgänge 1991 und 1993. Diese wurden nie in den Umlauf gegeben. Sie sind nur in Münzsätzen erhältlich und haben einen Wert von je rund 150 Schweizer Franken.

Und? Grund zum Jubeln für meinen Kollegen?

Die Fünfliber, die mein Kollege von seiner Grossmutter geschenkt bekam, stammen alle aus den 1960er-Jahre. Abarten sind nicht darunter. Die Münzen sind je nach Zustand zwischen 15 und 30 Franken wert. Mein Kamerad trug es mit Fassung. Zu Recht, wie ich finde. Denn die Fünffrankenstücke der späten 1960er-Jahre wanderten aufgrund der steigenden Silberpreise in die Schatzkisten der Schweizerinnen und Schweizer. Deshalb gelangten sie nie in den Umlauf und sind heute in sehr gutem Zustand erhalten, meistens «unzirkuliert» oder «stempelglanz».

Adding manpower to a late project makes it later. Warum?

Manches im Leben verhält sich völlig anders, als es einem der gesunde Menschenverstand glauben machen will. Ein Beispiel kam mir kürzlich vor die Nase. Ein Kollege schrieb in einer E-Mail an mich unter anderem diesen Satz: «Adding manpower to a late project makes it later.» Zu Deutsch: Zusätzliches Personal verzögert ein Projekt, das schon im Verzug ist, noch weiter.

Diese Aussage wird nach einem ehemaligen IT-Projekt-Manager von IBM, sein Name ist Fred Brooks, das Brook’sche Gesetz genannt. Mich brachte es zum Nachdenken, weil es der Intuition widerspricht. Denn diese gibt einem vor, dass zusätzliches Personal mehr Output hervorbringt und so den Rückstand eines Projekts auf den Zeitplan wettmachen kann. Doch eben, Brook sagt aus seiner Erfahrung als Projekt-Manager heraus, dass gerade das Gegenteil zutrifft. Warum ist das so?

Einarbeitungszeit bindet Ressourcen

Wir müssen genau hinschauen, was passiert, wenn ein beispielsweise fünfköpfiges Team um eine Person erweitert wird: Zunächst braucht der neue Mitarbeiter, die neue Mitarbeiterin einige Zeit, um sich in das Projekt einzuarbeiten. Das aber bindet Ressourcen der fünf bestehenden Projektmitglieder. Beispielsweise muss erklärt werden, wo welche Dokumente abgelegt sind, welche Systeme zum Einsatz kommen, wer die Ansprechpartner für welche Anliegen sind, was bisher im Projekt geschah, was der aktuelle Stand und was das Ziel ist etc. etc. Während der Einarbeitungszeit werden auch Fragen aufkommen, deren Beantwortung die Zeit von Kollegen und Projektleiter beansprucht. Und schliesslich kommt es vor, dass ein neuer Mitarbeiter manch einen Fehler produziert, wodurch das Projekt zusätzlich ins Hintertreffen gerät.

Prozesse verändern sich

Zweitens: Jeder hinzukommende Mitarbeiter verändert die Prozesse, an die sich die ursprünglichen Mitarbeiter gewöhnt haben. Die Routine wird gebrochen. Neue Abläufe müssen eingespielt werden, und zwar von allen – auch vom bestehenden Personal. Dadurch verlangsamt sich der Betrieb und der Zeitplan scheint dem Projektstatus noch weiter davonzueilen.

Kommunikationsaufwand steigt

Drittens: Die Anzahl Kommunikationswege steigt im Quadrat zur Anzahl der miteinander in Austausch stehenden Personen. Bei fünf Personen gibt es 15 mögliche Verbindungen, bei sieben Leuten 28 und bei zehn Mitarbeitenden 55. Für die Mathematiker unter Euch: Die Formel, mit der Ihr die Anzahl Beziehungen von n Leuten berechnen könnt, lautet:

Formel

Grafisch dargestellt sieht das so wie im folgenden Diagramm aus. Für das Projekt bedeutet das, dass jeder zusätzliche Mitarbeiter den Kommunikationsaufwand überproportional erhöht.

n2n

Vermutlich gibt es noch einige weitere Erklärungen für das Brook’sche Gesetz. Die hier genannten sollen aber ausreichen, um den Sinn von Fred Brooks Aussage zu erhellen. Wer noch weitere derartige Gesetze studieren will, dem empfehle ich «11 wacky laws named for people»

Alte Firma, gute Firma

Lasse es 100, 125 oder 150 Jahre, jedenfalls einen sehr langen Zeitraum sein. Dann versetze Dich in die Lage eines Kommunikationsverantwortlichen des Unternehmens, das es so lange gibt. Mit welchen Argumenten würdest Du die Firma und ihre Produkte bewerben? Suggestive Frage. Die Antwort ist doch klar und klingt wohl so oder ähnlich: «Wir haben 125 Jahre Erfahrung im Markt».

Praktisch jedes Unternehmen, das es seit einigen Jahrzehnten gibt, tischt dieses Argument auf. Mir kommt es vor, als ob alte Firmen automatisch gute Firmen sind. Als Konsument frage ich deshalb zurück, was ich denn davon habe, dass Dein Unternehmen dieses Jahr seinen 125-jährigen Geburtstag feiert.

125_Jahre_Firma

Jetzt kommst Du ins Grübeln, nicht wahr? Es geht Dir nun wie mir, als mir bewusst wurde, wie sehr in der Unternehmenskommunikation mit dem Alter einer Firma geworben wird – eben ganz nach dem Motto: alte Firma gleich – automatisch und immer – gute Firma. Und gute Produkte.

Nach einigem Nachdenken kam mir der entscheidende Gedanke: Ein Unternehmen, das es seit 125 Jahren gibt, muss irgendetwas richtiggemacht haben, sonst wäre es in der Zwischenzeit vom Markt verschwunden. Langlebigkeit setzt also voraus, dass eine Firma sich am Markt behauptet. Und daher weist Langlebigkeit auf Anpassungs-, Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit, auf Resilienz und langfristiges Denken und Handeln hin. Genau diese Fähigkeiten und Eigenschaften sind es, die unter dem Strich den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ausmachen.

Merken wir uns die Faustregel, dass alte Unternehmen anpassungs-, innovations-, wettbewerbsfähig, resilient sowie langfristig orientiert und darum erfolgreich sind. Für die Unternehmenskommunikation bedeutet das aber, dass man das Kind beim Namen nennen sollte. Der blosse Hinweis auf eine 125-jährige Firmengeschichte bringt nichts beziehungsweise kann die Kundschaft sogar irritieren – «Was habe ich davon, wenn die Firma schon 120 Jahre alt ist?»

Ein wirklich schlagkräftiges Argument klingt in etwa so:

Unsere Firma ist Innovationsführerin. Denn seit 125 Jahren bieten wir Ihnen stets die neuesten Produkte und Dienstleistungen an. Vor hundert Jahren brachten wir das erste tragbare Telefon auf den Markt. Heute vertreiben wir das erste zusammenrollbare Smartphone.

Wohlstandsburgertum

Ich erinnere mich noch genau. Als Teenager machten wir, meine Freunde und ich, einen Spass daraus, mit Hamburger von McDonals durch die Gassen zu ziehen. Behelligt hat uns niemand. Denn Fleisch essen stand damals noch nicht so sehr in der öffentlichen Diskussion, das heute der Fall ist. Und in dem Masse wie der Fleischverzehr in den letzten Jahren in Verruf geraten ist, haben sich andere Ernährungsformen in den Vordergrund gespielt. Tofu- und Quornburger in allen Variationen – nature, geräuchert, mariniert, mit Paprika oder Pferrer – füllen die Ladenregale, Kühlschränke und Münder und Mägen. Das ist nichts Schlechtes! Denn Vegetarier und Veganer möchten sich lecker ernähren, sich also ab und zu einen Burger oder eine Art Schnitzel zubereiten. Auch als Fleischliebhaber weiche ich von Zeit zu Zeit auf vergane Produkte aus, wodurch sich meine Speisekarte um rund 50 Prozent erweitert hat.

Insektenburger

Nein, das ist kein Rindfleisch-, sondern ein Insektenburger. #Wohlstandsburgertum

Nun aber kommt die dritte Welle. Nach unbehelligtem Fleischkonsum und der Einführung von Quorn und Co. werden sich Schweizerinnen und Schweizer ab nächster Woche mit Insektenburger, namentlich aus Heuschrecken, Maden und Mehlwürmern, verköstigen. Warum genau ab nächster Woche? Weil die Regierung die kleinen Krabbler zuerst für den Verzehr zulassen musste und den Stichtag für die Markteinführung auf den 1. Mai festgelegt hat …

… Lassen wir die Politik für den Moment und bleiben wir bei den Insekten. Bei mir sind bisher zwei Argumente für den Insektenverkehr angekommen: Erstens sollen die Tierchen viel Protein enthalten. Eine Förderung der Insektenernährung würde unter dem Strich allen Menschen der Welt Zugang zu Eiweiss verschaffen. Guter Punkt! Das zweite Argument: Die Züchtung von Insekten sei ökologischer als die Produktion von Fleisch, bei der so und so viele Liter Wasser für ein Kilogramm Rindfleisch verbraucht würden. Auch das halte ich für ein berechtigtes Votum vonseiten der Befürworter und Fans von Insektennahrung.

Klar, dass auch die Skeptiker ihre Argumente bringen. Besonders oft lese oder höre ich vom Ekel und Schauer, der einem über den Rücken läuft, wenn der Blick auf die Knetmasse aus Maden oder Würmern, also Insektenburger, fällt. Gewiss haben wir Mitteleuropäer im Laufe unserer Erziehung gelernt, dass Insekten nichts zum Essen sind. Heuschrecken seien eklig, Maden sowieso und Würmer schon sehr nahe Schlagen und darum nicht nur böse, sondern sogar gefährlich, so sagte man uns. Trotzdem werde ich meine Neugier wohl kaum widerstehen können und nächste Woche ein paar Insekten verzehren.

So weit, so gut. Doch was zeigt uns die ganze Debatte um Fleisch, Tofu und Quorn sowie Insekten als Lebensmittel? Dass wir in einem unheimlichen Wohlstand leben! Uns geht es so gut, dass wir wählen können, wie viel wir wovon essen und von welchen Lebensmitteln wir gar nichts wissen wollen. Unser Wohlstand lässt es sogar zu, dass wir über solche Fragen abendprogrammfüllende Fernseh- und Radiosendungen durch den Äther schliessen. Ist das nicht verrückt?

Wie wird man reich?

Ich wohne am Stadtrand von Zürich. Vor meiner Wohnung zieht sich eine Strasse, die fast bis zum Hauptbahnhof reicht. Wenn wir diese Strasse entlang spazieren, können wir lernen, warum es manche Menschen zu Reichtum bringen, während andere nahezu ihre finanzielle Existenz verlieren.

Reichtum

 

Dranbleiben

Zu den Reichen gehört neuerding ein Bekannter von mir. Ich lernte ihn vor etwa fünf Jahren kennen. Die Kommunikationsagentur, für die ich damals arbeitete, suchte nach einem Google-Adwords-Spezialist. Da meldete sich einer, der sich gerade selbstständig gemacht hatte, und mit seinem Einmannbetrieb Aufträge an Land ziehen wollte. Ganz ehrlich, ich weiss nicht mehr, ob wir damals ins Geschäft kamen. Vor zwei Tagen jedoch stach mir die Firma meines Bekanntes ins Auge. Sie muss enorm gewachsen sein, denn sie hat sich auf zwei Stockwerken in einem Hause nahe dem Bahnhof Oerlikon eingemietet. Dranbleiben ist also ein sehr guter Weg, um reich zu werden.

Smart Pricing

Clever sein ist ein anderer Weg: Eine Gruppe junger Türken habt vor rund drei Jahren – behaften Sie mich nicht – einen Coiffeurladen an besagter Strasse eröffnet. Ein Herrenhaarschnitt kostet 25 Franken. Einige Meter weiter kann man bei Gidor, dem Coop-Friseur, die gleiche Dienstleistung für etwas über 40 Franken beanspruchen. Während Gidor an Ort tritt, haben die türkischen Friseure ihre Ladenfläche fast verdoppelt. Merke also: Smart Pricing fördert das Geschäft, was sich am Ende des Tages auch auf das Bankkonto niederschlägt.

Baustellen

Ein ganz anderes Schicksal ereilte die Bäckerei, die 500m von meiner Wohnung entfernt allerhand Leckereien feilbot. Doch das war einmal. Eine Baustelle wurde meinen Nachbarn zum Verhängnis. Sie verursachte nicht nur für so manche Verwirrung bei Autofahrern und Fussgängern, sondern versperrte auch die Zufahrt zu den Parkplätzen der Bäckerei. Keine Parkplätze, keine oder zumindest weniger Kunden. So kam es, dass die Bäckerfamilie das Geschäft aufgeben musste. Ob sie für die materielle Enteignung entschädigt wurde, weiss ich nicht. Klar ist mir aber seither, dass Baustellen einen zu armen Tagen bringen können. Auf diesem Wege wünsche ich den ehemaligen Inhabern der Brotmanufaktur alles Gute für die Zukunft.

Moral der Geschichten

Fassen wir zusammen, was wir auf dem kurzen Spaziergang der Strasse vor meinem Fenster entlang gelernt haben. Erstens, bleibe dran. Zweitens, sei clever. Drittens, meide Baustellen. So wird man reich.

Veröffentlicht in Alle, Wirtschaftsgut. Leave a Comment »

Digitaler Melker befördert Bauer zu «Melk-Controllern»

Vor Kurzem mutmasste ich über die Folgen des industriellen Revolution 4.0 für den Menschen als Arbeitskraft. Werden Roboter, digitale Technologien und weitere Errungenschaften den Menschen ersetzen, sein Berufsbild verändern, erweitern oder es in einer anderen Weise beeinflussen? Nun stiess ich auf einen sehr deutlichen Hinweis auf das Szenario «Veränderung des Berufsbildes».

Und zwar an der Olma, der Schweizer Messe für Landwirtschaft und Ernährung, die einst Ostschweizer Landwirtschafts- und Milchausstellung hiess und von dieser Bezeichnung auch den Markennamen «Olma» erhielt.

Die Messe ist öffentlich, sodass sich selbst ein Schreibtischtäter, wie ich es bin, von all dem Brandneuen in den Bann ziehen lassen kann. Aufmerksam wurde ich besonders auf den Melkroboter aus dem Hause DeLaval, den die Messestandbauer zusammen mit etwas über einem Dutzend Kühen in einem stallähnlichen Zelt untergebracht hatten.

Kuh gibt am Roboter Milch. Wo ist der Bauer?

Weit und breit war kein Bauer zu sehen. Nur eine Promotorin von DeLaval erklärte dem Publikum, wie der Melkroboter im Einzelnen funktioniert. Zuerst trottet die Kuh in den Roboter, der dann den Rest der Arbeit übernimmt. Der Roboterarm sucht mittels Laser die Zitzen, wäscht diese und behandelt sie für das Melken vor. Gleich darauf greift der Roboterarm mit vier Zitzenbechern am Kuheuter an. Das Melken beginnt, die Milch wird in einen Tank geleitet, wo sie weiterverarbeitet wird. Auf einem Touchscreen zeichnet die Maschine die Menge Milch pro Zitze und insgesamt auf. Nach dem Melkvorgang wird das Euter ebenso gereinigt wie der Melkroboter mit seinem Roboterarm. Alles automatisch, versteht sich. Zum Schluss öffnet der Roboter das Tor, durch das die Kuh die Maschine verlassen kann.

vms_melkroboter_delaval

Im Bildviertel unten rechts erkennt man den Roboterarm der Maschine von DeLaval. Er melkt nicht nur, er reinigt auch das Kuheuter und sorgt für die Hygiene im Melkroboter.

Arbeitszeitersparnis von rund 2,5 Stunden

Da die Kühe selbst entscheiden, wann sie ihre Milch geben, und weil der Melkroboter selbstständig arbeitet, braucht es den Bauern nicht mehr – oder? Tatsächlich, der Landwirt wird nicht mehr um 5 Uhr morgens im Stall antreten müssen. Der Roboter entlastet ihn vom Melken als solchen und spart ihm etwa 2,5 Stunden Arbeit pro Tag. Diese wird der Bauer für andere Aufgaben verwenden. Unter anderem wird er über Desktop-PC, einen Laptop, ein Tablet oder über sein Smartphone die Daten auswerten, die der Melkroboter ihm in einer eigens dafür programmierten Software ausspielt. So erfährt der Bauer beispielsweise, aber nicht nur, die Milchmenge pro Kuh und die der ganzen Herde.

melkroboter_melk-controller

Der Landwirt wertet die Daten aus dem Melkroboter aus und kann aufgrund seiner Erkenntnisse Massnahmen ergreifen, beispielsweise die Kraftfuttermenge pro Tier anpassen oder eine Kuh von einem Veterinär untersuchen lassen.

Bauer wird zum «Melk-Controller»

Aus den Daten kann der Bauer ableiten, ob und welche Massnahmen er ergreifen muss. Beispielsweise die Kühe mit Kraftfutter stärken, damit sie reichlich Milch bringen. Oder bei einer bestimmten Kuh nach dem Rechten schauen, weil sie seit zwei Tagen deutlich weniger Milch gibt, als sie das bis anhin getan hatte. «Sie haben die totale Kontrolle über Ihre Herde», bewirbt DeLaval den Melkroboter. Der Bauer wird also vom «Melker» zum «Melk-Controller». Sein Berufsbild verändert sich. Seine Arbeitskraft wird aber nach wie vor gebraucht, auch in Zukunft.